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| Freitag, den 03. August 2007 um 02:00 Uhr | |||
Manch einer mag diesem Tier irgendwann schon begegnet sein, doch meist ohne ihm dabei viel Beachtung geschenkt zu haben. Das verwundert nicht, hat es doch wenig zu bieten, was das Auge des Betrachters lange zu fesseln vermag: eine schwarz-braune Rubensfigur, kurzbeinig, von Größe und Gewicht mit einer großen Zuchtsau1 zu vergleichen, lebt es ein ruhiges, einzelgängerisches Leben im Verborgenen, das meist aus Fressen, Schlafen und einem gelegentlichen Bad zu bestehen scheint. Und doch ist seine außergewöhnliche Geschichte noch dazu ein Erfolg „Made in Germany", der die Hoffnung nährt, dass weiterhin bislang unbekannte Tierarten ihrer Entdeckung harren. Alles begann 1844, als Dr. Samuel Morton, seines Zeichens Vize-Präsident der Academy of Natural Sciences von Philadelphia, den Schädel einer bislang unbekannten Tierart aus Afrika mitbrachte. Auf Grundlage dieses Schädels wurde nach wissenschaftlicher Untersuchung eine neue Art beschrieben; man war sich jedoch ob der genauen taxonomischen Einordnung uneins. Der Schweizer Zoologe Professor Dr. Büttikofer konnte 1880/81 Skelett und Haut eines weiteren Exemplars in Liberia erwerben. Zuvor hatte der Brite John Price über Governor Pope Hennessy um 1873 sogar ein lebendes Jungtier in Sierra Leone erwerben und in den Zoo von Dublin überführen können; dort verstarb das Tier jedoch in kürzester Zeit. Im Laufe der folgenden Jahre geriet die Art in Vergessenheit und galt als ausgestorben, ja, man zweifelte sogar an, dass es sich tatsächlich um eine eigenständige Tierart handelte und vermutete Kümmerformen einer bereits altbekannten Spezies. Im Herbst 1910 sollte sich dies aber ändern: Der berühmte Tierhändler und Zoodirektor Carl Hagenbeck2 lädt den deutschen Afrikareisenden Hans Schomburgk zu sich in seinen Tierpark in Hamburg-Stellingen ein und stellt ihn auf die Probe: „Wollen Sie für mich nach der Westküste Afrikas gehen, um dort ein Tier zu fangen, das bislang von keinem europäischen Jäger gesehen, geschweige denn lebend nach Europa gebracht wurde? (...) Sie müssen nach Liberia gehen; aber um was es sich handelt, kann ich Ihnen erst sagen, wenn Sie Ihre Zustimmung gegeben haben (...)." Kurz entschlossen sagt Schomburgk ja- und bereut dies fast sogleich wieder: Hagenbeck beauftragt ihn, nach dem mysteriösen Zwergflusspferd Liberias zu suchen-eine Aufgabe, derer sich Schomburgk kaum gewachsen sieht.
Hinsichtlich der Erforschung unbekannter Tierarten zeigte Schomburgk von jeher großes Interesse: in seinen Büchern erwähnt er Eingeborenenberichte und eigene Begegnungen mit bislang unerforschten Tiere; etwa Zwergelefanten, Mokele-mbembe, dem mysteriösen Flusspferdfresser Chimpekwe, Zwergnashörnern und vielen anderen mehr. Doch zurück zum Zwergflusspferd: Schomburgk bricht im April 1911 per Schiff aus Deutschland auf und erreicht Liberia knapp einen Monat später. Liberia, 1847 von ehemaligen afroamerikanischen Sklaven gegründet, war damals bis auf einige Küstenstädte weitgehend unerforscht; Schomburgks spätere Erfahrungen bei der Suche nach dem Zwergflusspferd sollten maßgeblich zu der Erstellung der ersten Landkarten von West-Liberia beitragen. Von der Küstenstadt Monrovia aus will Schomburgk nach langwieriger Zusammenstellung einer Trägerkolonne ins Hinterland Liberias gelangen. Zu seiner Bestürzung erfährt er zuvor in Monrovia, dass den Einheimischen dort das Zwergflusspferd unbekannt, das (laut damaliger Lehrmeinung dort nicht vorkommende) Flusspferd hingegen geläufig ist. Dementsprechend demoralisiert stößt Schomburgk auf Kanus über den Wasserweg ins Landesinnere vor, wo den dortigen Einheimischen zu seiner Erleichterung das Zwergflusspferd als „Mwe-mwe" oder „Nigbwe" durchaus ein Begriff ist. Sie halten es allerdings für eine große und sehr gefährliche Schweineart. Es kursieren noch andere erstaunliche Geschichten über das Tier: es soll tagsüber in einem Schaumkokon (was sich später als ein vom Zwergflusspferd gegen starke UV-Strahlung produziertes Hautsekret herausstellen sollte) gehüllt so tief schlafen, dass man Bäume fällen kann, ohne es aufzuwecken, und nachts einen leuchtenden Edelstein im Maul als „Taschenlampe" benutzen. Als er aber von seinen Plänen erzählt, das Tier lebend zu fangen, hält man ihn schlichtweg für übergeschnappt: das „Mwe-mwe", das wahrscheinlich aggressivste Tier der Welt, zu fangen, ist eine Sache - aber auch noch lebend?!? Doch er gibt nicht auf: im Dezember 1911 schifft er sich wieder gen Liberia ein, mit dem festen Vorsatz und zuversichtlich, erfolgreich zu sein. „Ich hatte eine Karawane guter, williger Träger, auf die ich mich verlassen konnte, und zog in ein Land, das vorher noch kein Europäer betreten hatte. Was wollte ich noch mehr, bessere Voraussetzungen konnte ich nicht verlangen.", so sein Spott gegenüber den in Deutschland verbliebenen Kritikern. Er versucht diesmal eine etwas andere Route. Die Haltung der Einheimischen ihm gegenüber reicht von herzlicher Gastfreundschaft bis unfreundlicher Indifferenz; erneut muss er die lokale Bevölkerung für sein Vorhaben einnehmen. Auf ihre große Begeisterung stößt seine Fahrt mit dem mitgebrachten Fahrrad durch den Regenwald. In der Nähe des Lofa-Flusses kann er einige Zwergflusspferde sichten, doch weder fangen noch schießen. Aus Dörfern, die er bereits besucht hat, kommt die Nachricht von erfolgreichen Fängen; doch sind die Tiere wieder aus den Fallgruben geklettert. In dieser Gegend sieht er auch zum ersten Mal Zwergelefanten, von den Eingeborenen „Sumbi" genannt. Als er am 28. Februar 1912 einer ihrer Fährten folgt, kreuzt ein Zwergflusspferd seinen Weg, das er erlegen kann. Erstmals hat er einen echten Beweis, doch zugleich macht er sich Vorwürfe, das Tier nicht lebend gefangen zu haben. Doch das Glück ist ihm weiterhin gewogen: am 1.März begrüßen ihn seine Leute: „Massa, Massa, dem Mwe done catch!" (Ein Flusspferd wurde gefangen!) Ein Halbliberianer namens Henry L. Sherman hat in seiner Fanggrube das erste Zwergflusspferd gefangen! Schomburgk ist unglaublich erleichtert; er eilt sofort zu dem Tier und lässt die Fanggrube verstärken. Entgegen der Vorstellung seitens der Eingeborenen erweist sich der Bulle als recht friedlich und nimmt bereitwillig Nahrung auf. Nur einmal versetzt er Schomburgk später in helle Aufregung, als er in einem unbeachteten Moment beinahe ausbricht. In Laufe der Zeit werden noch weitere Exemplare gefangen, insgesamt sind es am Ende fünf Tiere. Schomburgk lässt sie in geflochtenen Tragekörben, ähnlich lokalen Hühnertragekörben, zur Küste nach Cape Mount bringen, wo auch schon am 1. Juni 1912 ein von Hagenbeck entsandter Tierpfleger wartet. Mit dessen Hilfe werden die Tiere in stabile Transportkisten umgesetzt und an Bord des Dampfers „Anne Woermann" gebracht; endlich kann Schomburgk erfolgreich nach Deutschland zurückkehren. Doch am Ende scheint das Unterfangen beinahe zu scheitern; bei einem Sturm im Golf von Biskaya lösen sich die Transportkisten aus der Vertäuung, und es gelingt erst im allerletzten Augenblick, sie wieder zu befestigen. Doch schlussendlich geht alles gut: Alle fünf Exemplare gelangen heil nach Hamburg, wo sie Hagenbeck voller Begeisterung entgegennimmt; zwei der Tiere treten bald darauf ihre Weiterreise nach New York in den Bronx Zoo an. 1923/24 reist Schomburgk erneut nach Liberia, um den Dokumentarfilm „Mensch und Tier im Urwald" zu drehen. Der Bulle, den er von dieser Reise mitbringt, wird später der Stammvater vieler Zwergflusspferde im Berliner Zoo werden. Heute sind ca. 350 Zwergflusspferde (Hexaprotodon liberiensis, ehemals Choeropsis) in Zoos und Tiergärten weltweit zu sehen. Sie haben sich sowohl als gut in menschlicher Obhut haltbar als auch langlebig erwiesen und die durch verschiedene Zuchtprogramme koordinierte Zoopopulation scheint recht stabil zu sein. Anders sieht die Situation der wildlebenden Zwergflusspferde in den ursprünglichen Verbreitungsgebieten Liberia, Elfenbeinküste und Sierra Leone aus; die IUCN stuft die Art als „bedroht" ein, die nigerianische Unterart H. l. heslopi ist wahrscheinlich bereits ausgerottet. Zwar existieren einige Schutzgebiete, doch insgesamt scheint es um die letzten Zwergflusspferde in freier Wildbahn durch die fortlaufende Zerstörung ihres Lebensraumes schlecht zu stehen.
Vielen Dank an Frau Niemann für die großartige Unterstützung! Quellenverzeichnis:
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