Seeskorpione: schwach; Journalisten: sehr schwach

Dinosaurier und andere ausgestorbene Tierarten

Seeskorpione: schwach; Journalisten: sehr schwach

Beitragvon Tobias » 15.07.2014 10:01

Hallo,

ob das jetzt ein Beitrag über Seeskorpione oder über Journalisten wird, muss jeder für sich entscheiden.

Zum eigentlichen Thema: Seeskorpione sind relativ große Räuber des Erdaltertums. Sie gehören zu den Cheliceraten unter den Arthropoden. Sie lebten über 200 Millionen Jahre zwischen dem Ordovizium vor 460 Millionen Jahren und dem Perm vor 255 Millionen Jahren und waren fast weltweit verbreitet. Das spricht für eine sehr erfolgreiche Tiergruppe.

Die Arbeitsgruppe um Derek Briggs von der Yale-Universität in New Haven, Connecticut, USA hat jetzt herausgefunden, dass die Tiere zwar ziemlich groß wurden, jedoch nicht die Rolle eines Top-Räubers ausfüllen konnten. Sie testeten die visuellen Fähigkeiten eines sehr großen Seeskorpions (Acutiramus cummingsi (Pterygotidae)), einer kleiner bleibenden Art (Eurypterus sp. (Eurypteridae)) und anderen, gleich alten Arthropoden.
Dabei stellten sie fest, dass die Seeskorpione keine besondere Sehschärfe besaßen und auch der Sehwinkel nicht im Bereich der heutigen Topräuber unter den Arthropoden lag. Insbesondere die große Art A. cummingsi konnte im Vergleich zur Eurypterus-Art nur wenig sehen.
Daher glauben die Autoren der Studie, dass Seeskorpione bei Schwachlichtbedingungen, in trübem Wasser oder nachts gejagt haben und nur dünnschalige oder ungepanzerte Tiere fressen konnten.

Soweit zur Studie, die in den biology letters erschienen ist.

Dies widerspricht vor allem populären Darstellungen, die den Seeskorpion als aktiven, starken Räuber darstellen. In "Walking with beasts" taucht er regelmäßig auf, unter anderem als Fressfeind wandernder Urfische. Nigel Marven hat einen schmerzhaften Kontakt mit Seeskorpionen im BBC Mockumentary "Monster der Tiefe" und ließ etwas Blut im New York des Ordoviziums.
In Folge 11 der SciFi Fernsehserie Primeval waren Seeskorpione Antagonisten des Teams.

Die vorliegende Studie und zwei weitere, relativ junge Veröffentlichungen lassen die Rolle der Seeskorpione jedoch anders sehen: Sie sahen nicht gut, Spuren zeigten, dass sie in Ufernähe durch den Schlamm krabbelten und ihre großen Scherenapparate sehr dünnschalig waren.
Dies alles lässt einen Reporter von Spiegelonline eine Menge Hohn über die seiner Meinung nach gar nicht so "heldenhaften" Seeskorpione ausschütten. Frank Patalong schreibt: "dass die dann wohl doch nicht so fürchterlichen Seeskorpione wohl kaum geschickte Jäger waren, sondern lahme, steife und - wie wir nun wissen - auch noch halb blinde Kolosse. Der vermeintliche Schrecken der Urozeane wurde so binnen acht Jahren zum Albtraum aller Weichtiere degradiert - mehr Müllabfuhr als Monster."

Sicher, in den genannten Serien ist es von Vorteil ein Monster zu sein, wenn man erfolgreich sein will. Doch haben Seeskorpione den Ruhm von Hollywood nötig, ihr Erfolg währte nicht ein paar Monate, sondern 200 Millionen Jahre. Da soll sich Hollywood mal was von abschneiden.

Schöne Grüße

Tobias


Quellen:
Briggs et al. in Biology Letters

Patalong in SPON
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um so eindeutiger muss der Beweis sein, um akzeptiert zu werden."

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Re: Seeskorpione: schwach; Journalisten: sehr schwach

Beitragvon Cronos » 20.07.2014 14:55

Ich denke mal so wirklich aussagekräftig sind diese Ergebnisse nicht. Die Sehstärke alleine etwa sagt nicht wirklich viel aus, schließlich gibt es ja auch sehr viele andere Fleischfresser, welche nicht gerade überragend gut sehen (wie moderne Skorpione etwa), aber schließlich gibt es ja auch noch andere Sinne. Die mit sehr langen Stacheln bewehrten Zangen der großen Seeskorionen deuten ja auch auf eine wohl eher räuberische Lebensweise hin, auch wenn sie dafür nicht zwangsläufig besonders stark sein müssen. Ein ähnliches Phänomen findet man ja auch bei vielen Fischen, vor allem bei Tiefseefischen. Sehr lange Zähne von Raubfischen müssen nicht zwangsläufig mit starken Kiefern einhergehen. Zweifellos ist die Darstellung von Seeskorpionen in den Medien in aller Regel ziemlich populistisch und übertrieben gewesen, aber ich halte es dennoch für ziemlich übereilt, sie auf Grund dieser Studie gleich völlig zu degradieren.
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