Wollhandkrabben fahren ICE

Weich-, Krebs-, Insekten- und Spinnentiere

Wollhandkrabben fahren ICE

Beitragvon Tobias » 11.11.2013 14:20

Hallo,

die Bahn ist ja in den letzten Jahren hauptsächlich wegen Zügen, die nicht fahren, oder wenn sie mal fahren, zu spät kommen oder gar nicht halten, in die Schlagzeilen geraten.

Diesmal ist etwas völlig anderes passiert:
Im ICE zwischen Hannover und Göttingen entkamen 20 Wollhandkrabben ihrem Behälter. Diese Krebse, aggressive Bioinvasoren aus China, sind an Land ziemlich fix unterwegs und kommen lange ohne Wasser aus. Dem entsprechend liefen sie einigen Passagieren und dem Zugpersonal über den Weg. Zoologisch vermutlich eher unbeleckt, stand die Vermutung giftiger oder Kontaktallergie auslösender Tiere im Raum und so wurde der ICE in Göttingen gestoppt und evakuiert. 10 der Wollhandkrabben konnten eingesammelt werden und laut Pressemeldung der Bundespolizei übergeben, die sie "artgerecht in Salzwasser" unterbrachte und der Göttinger Tierrettung anvertraute. Wo die restlichen 10 Tiere geblieben sind, ist unklar. Vermutlich sind sie noch im Zug und werden in den nächsten Tagen für zunehmend stärker werdenden Fischgeruch sorgen.

Wie kamen die Krabbler in den ICE? Auch wenn die Wollhandkrabbe in Deutschland als Bioinvasor, der schwere Schäden anrichten kann, eher unbeliebt ist, gilt sie in China als Delikatesse. Mittlerweile werden sie an der Unterelbe kommerziell befischt, angeblich lassen sich Stückpreise erzielen, die auf einem Niveau mit dem wesentlich größeren Taschenkrebs liegen.
So ist es auch kein Wunder, dass die Krabben im ICE zwei Chinesen zugeordnet werden, die nach Tübingen fahren wollten. Die Chinesen durften weiter reisen, mussten aber die Kosten der Tierrettungsaktion übernehmen. Unklar ist, ob die Bahn auch die Folgekosten von Zugausfall und Verspätung geltend machen wird.
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Wie viele Tierarten, die in China kulinarische und/oder medizinische Bedeutung haben, sind Wollhandkrabben in großen Teilen ihrer ursprünglichen Heimat vom Aussterben bedroht. Inzwischen werden sie dort in der Aquakultur gehalten und gemästet, für gute, große Indivuduen werden bis zu 40 Dollar bezahlt.

In Deutschland und anderen europäischen Ländern, in denen sie vor etwa 110 Jahren mit dem Ballastwasser von Handelsschiffen eingeschleppt wurden, galten sie bis vor kurzem ausschließlich als Plage. Die großen, sehr agilen, robusten und anpassungsfähigen Krebse verdrängen heimische Krebstiere, anderer direkter ökologischer Schaden konnte ihnen aber nicht nachgewiesen werden. Da sie aber Gänge in Uferbauten, Dämme und Deiche graben, ist der wirtschaftliche Schaden enorm. Die Schäden, die sie bei Reusenfischern und Anglern verursachen, in dem sie Reusen zerschneiden, die Eingänge verstopfen oder die darin gefangenen Fische auffressen, sind dagegen eher gering, wenn auch für die letzten Aalfischer existenzbedrohend.
Erst vor einigen Jahren kam man auf die Idee, diese Tiere für den chinesischen Markt zu nutzen und in Deutschland und China anzubieten. In der Niederelbe gibt es zwischenzeitlich eine kleine, aber spezialisierte Fischerei.

Wollhandkrabben bewohnen das ganze Jahr über das Süßwasser, wandern zum Laichen aber in die Brackwassergebiete der Strommündungen. Dies geschieht in Europa unter anderem in Rhein, Elbe, Seine, Loire, Gironde und Themse. Vermutlich kann die Art theoretisch ganz Europa besiedeln.
Die Larven brauchen kurze Zeit Meerwasser, um sich zu entwickeln. In der Ostsee können sich die Larven aber nicht vermehren, der Salzgehalt ist zu gering, so dass die adulten Tiere bis in den Kattegatt wandern.

Die Bekämpfung der sehr anpassungsfähigen Tiere ist schwierig. Vor allem an Wehren und Stauanlagen gibt es spezielle Fanganlagen, die die Tiere auf der Laichwanderung abfangen sollen. Die Zahl der gefangenen Tiere ist gewaltig, aber noch größer ist die Zahl der passierenden Tiere.
Mittlerweile setzt es sich langsam durch, die Wollhandkrabbe auch in Europa als Meeresfrucht anzusehen und zu essen oder nach China zu exportieren. Sicher eine der snnvollsten Arten, mit einer solche Invasion vorzugehen.
Zusätzlich wird aus Wollhandkrabben Chitosan, ein Chitin-Derivat gewonnen, das für Filtermedien, als Biokunststoff aber auch in der Medizin extrem vielseitig Verwendung findet. Eine große Menge der Tiere wird auch zur Biogas-Produktion genutzt.

Schöne Grüße

Tobias
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Re: Wollhandkrabben fahren ICE

Beitragvon Ahuizotl » 12.11.2013 11:21

Wozu nach China schicken? Schickt sie mir! Ich liebe Meerestiere :)
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