Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

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Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Marozi » 13.11.2010 21:57

Betrachtet aus naturgeschichtlicher und kryptozoologischer Perspektive

Einleitung

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Das als 'Benjamin' bezeichnete Weibchen, letzter bekannter Beutelwolf, im Zoo von Hobart.

Kryptozoologie hat sich nach der International Society of Cryptozoology als die Beschäftigung mit allen Tieren zu verstehen, die in einem fundamentalen Sinne unerwartet oder verborgen vor dem Auge der reinen Wissenschaft seien. Eine solch weite Sichtweise umfasst nicht nur die Suche nach bisher gänzlich unbekannten Tieren, sondern auch die Untersuchung von Sichtungen und Hinweisen auf Tiere abseits ihrer angestammten Lebensräume und sogar das Fahnden nach als ausgestorben geltenden Arten. Der wahrscheinlich berühmteste Grenzgänger zwischen Ausrottung und Überleben ist der Tasmanische Tiger oder Beutelwolf. Dieser größte bekannte Raubbeutler unserer Tage wurde nach allgemein herrschender Auffassung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seinem Rückzugsgebiet, der Insel Tasmanien etwa 240km südlich von Australien, als vermeintlicher Schädling bewusst ausgerottet. Die besondere Abscheulichkeit dieser Ausrottung, die sie von allen sonstigen abhebt, liegt darin begründet, dass sie staatlich gewollt, befördert und finanziert wurde. Am 7. September 1936 verstarb schließlich das letzte der Wissenschaft bekannte Exemplar der Art verwahrlost im Zoo der tasmanischen Hauptstadt Hobart. Es ist vielleicht auch das schlechte Gewissen, das viele Menschen in der Folgezeit immer wieder Sichtungen, Fährten und andere Belege für das Weiterbestehen der Art in den wenig erschlossenen Landstrichen Tasmaniens vermelden ließ. Der Strom an Sichtungen, der sich bis heute ereignet, war allerdings so umfassend und glaubwürdig, dass selbst viele skeptische Wissenschaftler, allen voran Dr. Eric R. Guiler, den Tasmanischen Tiger nicht vorschnell abschreiben wollten und sich auf der diesmal wohlgemeinten Jagd nach dem Beutelwolf beteiligten. Bis heute blieb uns Tasmanien einen weiteren Tiger schuldig und die Suche geht auch in diesem Jahr weiter.
Erstaunlicherweise findet darüber hinaus eine unüberschaubare Vielzahl von angeblichen Sichtungen des Tasmanischen Tigers (wissenschaftlich Thylacinus cynocephalus) weit ab der namensgebenden Insel südlich des australischen Festlands statt. Problemlos lassen sich derartige Berichte aus allen australischen Festlandsstaaten zusammentragen, die in ihrer Zahl mindestens in die Hunderte gehen. Bisher wurde diesen Sichtungen durch die herrschende wissenschaftliche Meinung von der historischen Verbreitung des Tasmanischen Tigers jedoch jegliche Plausibiltät abgesprochen: Es galt als gängiger Konsens, dass die Familie der Thylacinidae zwar wenigstens in ihrer jüngeren Vergangenheit auf dem australischen Festland beheimatet war und Thylacinus cynocephalus dort auch zuerst aufgetreten sei; im Folgenden die Gesamtpopulation aber durch die Flutung von Bass- und Torres-Strait in drei Subpopulationen getrennt worden sei, wobei die Populationen auf Neuguinea und dem australischen Festland bis um etwa 1.000 v.Chr. durch klimatischen Wandel oder Konkurrenz mit dem Dingo ausgestorben seien. Die britischen Kolonisten auf Tasmanien seien lediglich Zeugen (und Henker) einer Reliktpopulation der bereits im Aussterben begriffenen Art geworden. Diese Auffassung, die unter anderem Eric Guiler in seinem wissenschaftlichen Standardwerk Thylacine: The Tragedy of the Tasmanian Tiger vehement vertrittt, entwickelte sich zu einem regelrechten Dogma, das jede Plausibilität der Festlandssichtungen von vornherein ausschloss. Um diesem Widerspruch zwischen einer Vielzahl auch sehr glaubwürdiger Sichtungsberichte und dem zoologischen Forschungsstand zu begegnen, wurden einige Überlegungen angestellt und Funde neu überprüft. Gewisse Hinweise darauf, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts Beutelwölfe gezielt zur Arterhaltung durch staatliche Stellen oder Privatpersonen auf das Festland übergesiedelt wurden, konnten inzwischen sicher widerlegt werden. Vielversprechende Knochenfunde erhellen aber mittlerweile nach einer gründlichen Altersbestimmung unsere Kenntnisse von den Festlandstigern, die unzweifelhaft existiert haben. Auch konnten wertvolle Hinweise auf Beutelwölfe auf dem Festland auch noch in jüngster Vergangenheit aus den Quellen der frühen Kolonisten und der Aborigines gewonnen werden. Viele Sichtungen und Berichte aus der unmittelbaren Gegenwart lassen Hoffnung zu, dass die Art auf dem Festland hat überdauern können. Im Folgenden soll daher die Geschichte des Beutelwolfes auf dem australischen Festland unter Einbeziehung und besonderer Würdigung dieser Erkenntnisse umfassend erzählt werden.

1. Evolution und verwandtschaftliche Beziehungen

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Aboriginale Felsmalerei aus dem Arnhem-Land im Norther Territory, die einen T.c. zeigen soll.

Wie die meisten endemischen Säugetiere der australischen Fauenregion oder auch Notogaea entstammt der Tasmanische Tiger der Unterklasse der Beuteltiere oder Marsupialia. Beuteltiere stellen einen seit der Kreidezeit bestehenden Ast im evolutionären Busch der Klasse der Säugetiere dar, die sich insbesondere durch ihre spezielle Ausbildung der Fortpflanzungsorgane und der damit verbundenen “doppelten Tragzeit” (Moeller, 1997) kennzeichnen lassen. Die Wiege der Beuteltiere ist im Gegensatz zu ihrem heutigen vornehmlichen Verbreitungsgebiet in dem kreidezeitlichen Südamerika identifiziert worden, was im Folgenden noch von Bedeutung sein wird. Von dort aus haben sich die heute in Australien beheimateten Ordnungen und Familien der Marsupialia über eine ehemals bestehende direkte Landverbindung über die Antarktis nach Australien ausgebreitet. Im Vergleich zu den übrigen Beuteltieren der Notogaea erschien der Beutelwolf, der einzige rezente Großraubbeutler, sowohl morphologisch als auch in seiner ökologischen Rolle lange Zeit derartig isoliert, dass Bensley ihn sogar als “foreign element” (fremdartiges Element) ( Bensley, 1903) bezeichnete. Erschwert wurde jede weitere Einordnung durch die Unkenntnis früher fossiler Formen der Thylacinidae. Die bis 1900 beschriebenen pleistozänen Fossilformen Thylacinus spelaeus ( Owen, 1845), Thylacinus major (Owen, 1877) und Thylacinus rostralis ( De Vis, 1894) wiesen keine Eigenschaften auf, die einer Einordnung der Thylacinidae dienlich waren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich erkannt, dass die zur Etablierung der genannten Spezies herangezogenen Merkmale im intraspezifischen Variationsbereich von Thylacinus cynocephalus liegen ( Dawson, 1982) und diese somit wohl nicht valide sind. In die um die vorletzte Jahrhundertwende herrschende Unklarheit über die verwandtschaftlichen Beziehungen des Tasmanischen Tigers platzte eine paläontologische Entdeckung in Südamerika, die für die nächsten 50 Jahre die Diskussion beherrschen sollte: Der Argentinier Ameghino beschrieb 1891 eine neue Gattung südamerikanischer Raubbeutler aus dem unteren Miozän. Die morphologische Ähnlichkeit zu einem damals recht obskuren Beuteltier von der Insel Tasmanien muss ihm so groß erschienen sein, dass er die neue Gattung Prothylacinus – den Vor-Thylacinus – benannte. Tatsächlich teilt sich Prothylacinus eine höchst spezielle Eigenschaft mit Thylacinus, beide Gattung besitzen nämlich einen rückgebildeten Beutelknochen. Prothylacinus gehört zu den Borhyaenidae, einer vielfältigen, fossilen Familie von südamerikanischen Raubtieren, die man früher als Beuteltiere ansah, heute jedoch etwas entfernter von diesen ansiedelt. Zur damaligen Zeit drängte sich trotz Unkenntnis der Kontinentalverschiebung der Schluss auf, der offenbar in Australien isolierte Thylacinus sei in der Tat ein “fremdartiges Element” in der australischen Fauna: Bensley formulierte 1903 als erster die Auffassung, dass Thylacinus einziger australischer Abkömmling der südamerikanischen Borhyaenidae und damit ohne jede lebende Verwandtschaft sei. Der Paläontologe William J. Sinclair, der Professor an der Princeton-University war und dessen Forschungsschwerpunkt auf den fossilen Beuteltieren Patagoniens lag, verhalf dieser Ansicht schließlich 1906 zu wissenschaftlicher Dominanz. Sie sollte für die nächsten Jahrzehnte unwidersprochen bleiben. Erst der große amerikanische Paläontologe George Gaylord Simpson verwirft 1939 diese augenscheinlich unwahrscheinliche Vorstellung und rückt Thylacinus stattdessen in die Nähe der kleinen australischen Raubbeutler Dasyuridae. Ein interessantes Indiz, das Simpson zur Stützung seiner These anführt, ist der teilweise zurückgebildete Beutelknochen des Tasmanischen Teufels (Sarcophilus harrisii) eines Dasyuriden, der die Einzigartigkeit der Rückbildung bei Thylacinus und Prothylacinus relativiert. Nachdem der Streitstand mit Simpson's Gegenthese formuliert war, vergingen die nächsten drei Jahrzehnte recht ereignislos, wenn man von der dritten aber wenig beachteten These des ebenfalls amerikanischen Paläontologen George Tate absieht, der Thylacinus in die Nähe der Beutelmäuse stellt (Tate, 1947) . Erst die Verbreitung biochemisch-molekularbiologischer Methoden zur Untersuchung von Verwandtschaft wie des immunologischen Prezipitin-Tests brachte Bewegung und schließlich auch die Antwort auf die Frage nach der verwandtschaftlichen Beziehung von Thylacinus. Wegweisend erwies sich die von Jerold M. Lowenstein et al. durchgeführte Untersuchung mittels eines Radioimmunoassay 1981. Stolz nahmen die Autoren für sich in Anspruch, mit ihrer Untersuchung erstmals einen phylogenetischen Streitstand betreffend eines ausgestorbenen Taxons durch molekularbiologische Untersuchungen aufgelöst zu haben (Lowenstein et al., 1981). Ein Radioimmunoassay erlaubt es strukturelle Unterschiede im Aufbau von Proteinen gemäß ihres unterschiedlichen Reaktionsverhaltens zu radioaktiv markierten Antikörpern als spezifische Strahlungsintensität zu quantifizieren. Je ähnlicher sich zwei Proteine in ihrer Struktur sind, desto ähnlicher ist auch ihre so ermittelte spezifische Strahlungsintensität. Dabei entsprechen Unterschiede in der Proteinstruktur genau den Unterschieden auf der Ebene des Erbgutes. Eicht man zusätzlich eine molekulare Uhr für das untersuchte Protein, kann man nicht nur den Grad der Verwandtschaft der Spender der untersuchten Proteine bestimmen, sondern sogar den Zeitpunkt der stammesgeschichtlichen Trennung angeben. Lowenstein et al. gelang es jedenfalls unter Verwendung von ungegerbter Haut von Thylacinus cynocephalus dessen verwandtschaftliche Beziehung zu den Dasyuriden zu bestimmen. Ihr Ergebnis fiel eindeutig aus: Die Thylaciniden stellen eine recht junge Abspaltung von der Familie der Dasyuriden dar und sind alles andere als ein “fremdartiges Element” in der Notogaea. Als nächster lebender Verwandter erwies sich der Tasmanische Teufel, eine wunderbare Bestätigung für Simpson 's rein morphologisch entwickeltes Modell. Im Folgenden konnten Richard Thomas et al. 1989 dieses Ergebnis mithilfe einer genaueren Methode nachvollziehen und die Trennung von Dasyuriden und Thylaciniden zeitlich auf etwa 12-15 Mio. Jahre v.Chr. (also weit jenseits des Untergangs der Landverbindung zwischen Südamerika und Australien) festlegen (Richard Thomas et al.,1989). Damit war die Borhyaeniden-These vollends widerlegt, die trotzdem selbst heute noch in zweifelhaften Publikationen herumgeistert. Die Thylaciniden stellen somit eine indigene Formengruppe Australiens dar, die ihre Evolution auf dem australischen Festland durchlaufen haben, und sind keineswegs ein fremdes Relikt. Mittlerweile ist die Frühzeit der Thylaciniden durch jüngere fossile Funde besser bekannt. Die älteste bekannte Form und nicht weit von der Abspaltung von den Dasyuriden entfernt ist der altoligozäne Nimbacinus dicksoni, der 1990 von Muirhead und Archer beschrieben wurde und den Dasyuriden noch deutlich näher steht. Ab dem späten Miozän ist die stammesgeschichtlich alte Gattung Thylacinus nachweisbar. Aus Zentralaustralien ist der größte Thylacinid nämlich Thylacinus potens (Woodbourne, 1967) bekannt, der wohl ein spezialisierter Aasfresser der pleistozänen Megafauna war. Neben den drei zweifelhaften Spezies T. spelaeus, T. major und T. rostralis umfasst die Gattung Thylacinus außerdem T. macknessi (Muirhead, 1992) aus der berühmten Riversleigh-Formation im Nordwesten Queenslands. Seit dem Pleistozän ist schließlich auch Thylacinus cynocephalus in der gesamten Notogaea überliefert.

2. Geographische Verbreitung

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T.c. ist wenigstens während des Pleistozäns in der gesamten Notogaea mit Ausnahme d. h. Bundesstaaten New South Wales u. Queensland belegt; jedenfalls auch auf Neu-Guinea

Thylacinus cynocephalus war wenigstens während des Pleistozäns über die gesamte Landmasse der Notogaea verbreitet. Das australische Festland bildete damals aufgrund des niedrigeren Meeresspiegels eine einheitliche Landmasse mit den heutigen Inseln Neu-Guinea im Norden und Tasmanien im Süden sowie mit dem Grund der heute gefluteteten Seestraßen zwischen Festland und Inseln. Fossile Belege liegen aus allen australischen Festlandsstaaten mit Ausnahme von New South Wales und Queensland vor (Guiler, 1985). Die Verbreitung in Tasmanien ist bis ins Holozän hinreichend gesichert, fossile Belege liegen auch für die Vorkommen auf einigen kleineren Inseln in der Bass-Strait vor. Ferner ist eine Verbreitung auf Neu-Guinea durch Fossilfunde gesichert (Van Deusen, 1963). Diese werden auf etwa 7920 Jahre v.Chr. (+- 200 Jahre) datiert, also ungefähr zur Zeit der Öffnung der Torres-Strait. Neben einem umfassenden fossilen Beleg existiert eine bemerkenswerte Anzahl sub-fossiler Höhlenablagerungen, die sogar in trockener Höhlenluft mumifizierte Tiere mit hervorragend erhaltenen Weichteilen enthält. Berühmt ist die so genannte Mundrabilla-Mumie, ein nahezu vollständig mumifizierter Beutelwolf aus einer Höhle im äußersten Südosten von Western Australia, der 1967 von Lowry und Merrilees beschrieben wurde. Datiert wird sie auf etwa 3000 Jahre v. Chr. und ist gegenwärtig im Western Australian Museum in Perth zu bestaunen. Neben diesen physischen Hinterlassenschaften liegt möglicherweise auch Zeugnis im kulturellen Schaffen der australischen Ureinwohner vor. Insgesamt 60 der erhaltenen Felsmalereien und Ritzzeichnungen der Aborigines werden als Darstellung von Thylacinus cynocephalus gedeutet, wobei sich die meisten von ihnen im Northern Territory und in Western Australia befinden (Oakes, 2003). Als problematisch hat sich die Altersbestimmung der Zeichnungen erwiesen, so dass sich deren Nutzen für die Forschung in Grenzen hält. Zudem sei daraufhingewiesen, dass die Identifizierung von tatsächlichen Tierarten in den sehr abstrahierten Kunstwerken fragwürdig ist. Guiler weist interessanterweise auf einen möglichen Einzug von Thylacinus cynocephalus in die mündliche Überlieferung des Pilbara-Stammes im westlichen Australien hin : Die Pilbara besitzen einen rituellen Gesang, der Bezug nimmt auf den mythischen Anführer der Dingos, nämlich “den Großen mit den Streifen” (Guiler, 1985). Guiler versucht richtigerweise nicht, Schlüsse auf einen Kontakt des Stammes mit Thylacinus cynocephalus in jüngerer Vergangenheit herzustellen, was in Anbetracht der herrschenden Unkenntnis über die Mechanismen mündlicher Überlieferung bei den Aborigines auch geboten ist. Thylacinus cynocephalus ist somit wenigstens während des Pleistozäns in der gesamten Notogaea mit Ausnahme der heutigen Bundesstaaten New South Wales und Queensland belegt; jedenfalls auch auf der Insel Neu-Guinea.

3. Holozäne Geschichte

Mit dem Zerfallen der australasischen Gesamtlandmasse infolge eines steigenden Meeresspiegels am Ende der letzten Eiszeit wurden auch die zu diesem Zeitpunkt nachweislich existierenden Populationen von Thylacinus cynocephalus auf den Inseln Tasmanien und Neu-Guinea von der Festlandspopulation getrennt. Um 10.000 Jahre v.Chr. wurde die niedrig gelegene Ebene zwischen Südaustralien und der heutigen Insel Tasmanien geflutet und die Bass-Strait separierte die Population auf Tasmanien und den kleineren Inseln der Bass-Strait von den übrigen 4.000 Jahre später wurde auch Neu-Guinea zur Insel und schnitt die dortige Population vom Festland ab. Während das Schicksal der tasmanischen Population gut bekannt ist, herrscht Unklarheit über den weiteren Weg der Beutelwölfe auf Neu-Guinea. Gerüchte über angebliche Sichtungen machen dennoch die Runde. Eine unübersichtliche Quellenlage und das möglicherweise von menschlichen Schuldgefühlen genährte Bestreben, Thylacinus cynocephalus als bereits im Untergang begriffen darzustellen, haben zu einer unscharfen Darstellung sowie Datierung seines Aussterbens auf dem australischen Festland geführt. Methodisch steht die Datierung des Aussterbens vor einem doppelten Problem: Einerseits muss das Ausgestorbensein in der Gegenwart belegt sein, andererseits kann das Aussterben frühestens zum Zeitpunkt des jüngsten Beleges angenommen werden. Während ersteres nicht ernstzunehmend angezweifelt wird, unterliegt die Datierung einem besonderen Problem. Aufgrund eines vergleichsweise geringen und vornehmlich auf den australischen Bereich beschränkten wissenschaftlichen Interesses an Thylacinus cynocephalus sind systematische Darstellungen der Erkenntnisse über die Festlandspopulation und datierte Überreste von ihr äußerst rar, so dass sich der Wissenschaftler, der eine Datierung des Aussterbens vornehmen möchte, einem unbestellten Feld gegenüber sieht. Wie für die meisten Aspekte der Erforschung des Beutelwolfs stellt Eric Guiler's Standardwerk die einzige originäre Systematisierung dar und enthält auch ein Kompendium der datierten Relikte der Festlandspopulation. Guiler legt den Zeitpunkt des Aussterbens auf spätestens das erste. Jahrtausend v. Chr. fest (Guiler, 1985). Diese aus einem unvollständigen Datensatz gewonnene Feststellung dominiert gegenwärtig die eher beschauliche wissenschaftliche Diskussion und vor allem den populärwissenschaftlichen Bereich. Selbstverständlich ist nicht davon auszugehen, dass diese von Guiler zitierten Funde die Überreste der letzten Festlandsbeutelwölfe sind. Vielmehr ergibt sich aus ihrer Datierung ein zeitliches Kontinuum der Rarefizierung, das sich durchaus bis weit nach der Zeitenwende erstrecken kann. Tierarten mit einem ganze Kontinente umspannenden Verbreitungsgebiet wie Thylacinus cynocephalus verschwinden nicht in kürzester Zeit völlig. Es sind die Ursachen für das Aussterben, wie neue Konkurrenten, Klimaveränderungen oder eine Gesamtverschiebung des ökologischen Gleichgewichtes, die mehr oder minder langsam über das Verbreitungsgebiet einer Art hinwegziehen und ihr so die Lebensgrundlage entziehen. Das Verbreitungsgebiet des Beutelwolfes zog sich also mit unbekannter Geschwindigkeit zusammen, möglicherweise fand dieser Prozess erst in jüngster Vergangenheit sein Ende oder harrt immer noch seines Abschlusses. Mit der immer besseren Erschließung des australischen Kontinents sind auch jüngere Funde oder Belege zu erwarten. Leider befindet sich in der Literatur zu Thylacinus auf dem australischen Festland eine echte Fallgrube, was die Datierung der jüngsten Überreste angeht: Bereits 1974 hatte der berühmte australische Paläontologe Michael Archer publiziert, dass subfossile in der Kimberley-Region in Western Australia gefundene Knochen von Thylacinus cynocephalus, die mit Beutelteufelüberresten (auch dieser tasmanische Raubbeutler war bis vor kurzem auf dem Festland verbreitet ) aus jüngster Vergangenheit zusammen abgelagert worden waren, möglicherweise nur einige hunderte Jahre alt seien (Archer, 1974). Im Folgenden entwickelte diese Veröffentlichung ein erhebliches Eigenleben und wurde immer wieder falsch zitiert, was in Enzyklopädieeinträgen gipfelte, die ein eindeutig bestimmtes Alter von nur 180 Jahren für diese Funden angeben, z.B. Joan Dixon im Eintrag über Thylacinus cynocephalus in der Enzyklopädia Fauna of Australia (Dixon, 1989). Tatsächlich wurden die Kimberley-Funde aber vor kurzem einer absoluten Altersbestimmung unterzogen mit dem Ergebnis eines Alters von stolzen 6.000 Jahren. Diese Untersuchung wurde bisher leider nicht veröffentlicht (pers. Korrespondenz des Autors mit M. Archer). Nichtsdestotrotz entbindet die Widerlegung der Funde aus der Kimberley nicht davon, von einer schleichenden Rarefizierung auszugehen und weiter nach jüngeren Überresten zu suchen. Schließlich könnten auch ganze Reliktpopulationen bis in die heutige Zeit als Schlusspunkt der beobachtbaren Rarefizierung in unerschlossenen Landesteilen ausharren. Die in der Literatur seit Mitte des 20. Jahrhunderts bestehende Tendenz, Thylacinus cynocephalus als in der im Holozän aufkommenden Konkurrenz mit Plazentaliern zum Aussterben verdammt zu betrachten und den menschlichen Einfluss auf diesen Prozess gering darzustellen (Moeller, 1997), muss als Erklärung dienen, warum ein Aussterben in vorchristlicher Zeit so vehement vertreten wird. Hoffnung, diese wohl fehlerhafte Vorstellung zu überwinden, macht aber die beherrschende Tendenz in der jüngeren und jüngsten Literatur: das Bestreben in Methode und Systematisierung unabhängig von den Veröffentlichungen nach dem Aussterben des Tasmanischen Tigers aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu werden. Robert Paddle ist durch seine bahnbrechende Arbeit als prominentester Vertreter dieses neuen Ansatzes zu sehen (Paddle, 2000). Seinem Forschungsengagement ist es zu verdanken, dass bereits vielversprechende Belege für Beutelwölfe auch noch in jüngster Vergangenheit entdeckt werden konnten, auf die später detailliert eingegangen werden wird. In der Zusammenschau ergibt sich nun das Bild einer sich im Umbruch befindlichen wissenschaftlichen Konzeption. Zudem sei im Folgenden auf die Mängel der Hypothesen eingegangen, die das vermeintliche Aussterben in vorchristlicher Zeit zu erklären suchen.

3.a. Aussterben durch Konkurrenz mit dem Dingo

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Ayers Rock

Nahezu ausnahmslos wird das vermeintliche Aussterben von Thylacinus cynocephalus im dritten Jahrtausend vor der Zeitenwende auf dem australischen Festland durch Konkurrenz mit dem Dingo (Canis lupus forma familiaris) erklärt (Moeller, 1997). Es handelt sich beim Dingo um die Nachkommen verwilderter Haushunde, die neuerer Erkenntnis nach erst um 1.500 v. Chr. mit Einwanderern aus Indonesien nach Australien gelangten (Paddle, 2000). An dem Zeitpunkt der Einführung, ersichtlich allerdings erst seit Mitte der 1990er Jahre (Corbett, 1995), scheitert die Konkurrenzthese bereits, dennoch sei auch auf ihre inhaltliche Fragwürdigkeit hingewiesen. Zwischenartliche Konkurrenz bedeutet in Anlehnung an Ernst Mayr die gleichzeitige, sich ausschließende Angewiesenheit zweier Spezies auf die selben begrenzten ökologischen Ressourcen (Mayr , 1967). Dingos und Thylacinus cynocephalus sollen den Konkurrenz-Hypothesen zufolge, um Lebensraum und untrennbar damit verschränkt um Beute konkurriert haben. Eine Konkurrenz um Lebensraum an sich erscheint unwahrscheinlich, da sowohl der Dingo als auch Thylacinus cynocephalus nicht stenök waren (Moeller, 1997), das heißt eben in Fragen des Lebensraums opportunistisch waren. Ohnehin erscheint diese Erwägung redundant, da die eigentliche Konkurrenz unter Raubtieren der in einem Lebensraum befindlichen Beute gilt. Wesentlich ist also die Frage nach Überschneidung im Beutespektrum. Zunächst ist festzuhalten, dass sich die Aktivitätszeiten von Thylacinus cynocephalus und Dingo bei einer teilweisen Überschneidung doch unterschieden: Während der Dingo bevorzugt in den Tagesstunden der Jagd nach geht, ist beim Beutelwolf zwar auch Beutefang zur Tageszeit überliefert, jedoch fand die überwiegende Mehrheit der beobachteten Aktivität bei Dämmerung und Nacht statt (Guiler, 1985). Eine solche Differenz im Aktivitätsmuster impliziert unmittelbar eine unterschiedliche Stellung im ökologischen System, die eine Konkurrenz im Beutespektrum unwahrscheinlich erscheinen lässt. Das beobachtete Beutespektrum von Thylacinus cynocephalus auf Tasmanien, das in der Hauptsache aus kleineren Känguruharten und anderen nachtaktiven Warmblütern bestand (Moeller, 1997), stützt in seinem Gegensatz zum Beutespektrum des rudeljagenden Dingos, das sich (heute) vornehmlich aus großen Kängurus und Kaninchen zusammensetzt, die obengemachte Feststellung. Wenn ferner noch berücksichtigt wird, dass beide Spezies riesige Streifgebiete besitzen, erscheint eine Nahrungskonkurrenz und damit eine Verdrängung durch den Dingo abwegig. Überdies ist die Konkurrenz-Hypothese vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung der Dingo-Popuation nicht haltbar. Der Dingo, ursprünglich als Helfer des Menschen bei der Jagd eingeführt, stand mit seinem Beutespektrum in direkter Konkurrenz zu der holozänen Spitze der Nahrungskette, nämlich den aboriginalen Jagdgesellschaften und ihren Jagdhunden. Infolgedessen konnte die Dingo-Population der letzten 3.500 Jahre niemals identische Ausmaße oder ökologische Bedeutung erreichen, wie es ihr nach der furchtbaren Dezimierung der Aborigines durch die britischen Kolonisten gelang. T atsächlich erscheint die heutige Verbreitung und Bedeutung des Dingos auf dem australischen Festland als ein historisch junges Faktum, höchstens 200 Jahre alt (Paddle, 2000). Zuletzt sei daraufhin gewiesen, um die Dingo-Hypothese auch für die Frage nach einer Erklärung für das Verschwinden von Thylacinus cynocephalus auf dem Festland dauerhaft zu entkräften, dass das Aufeinandertreffen von wilden Hunden und Tasmanischem Tiger ein zweites Mal mit genau beobachtetem Ergebnis stattfand. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich nämlich auf Tasmanien eine große Population wildlebender Hunde, wiederum Abkömmlinge von verwilderten Haushunden (Guiler, 1985). Sei es aufgrund von Populationszyklen oder der zusätzlichen Nahrungsquelle in Form von Haustieren, die Population von Thylacinus cynocephalus wuchs trotz der zahlreichen wilden Hunde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor Einführung der staatlichen Kopfprämie rasant an (Guiler, 1985). Auch wenn dieses Vorkommnis nicht in der Gänze auf Australien übertragbar ist, so widerlegt es doch jede monokausale Erklärung des Aussterbens durch Konkurrenz oder Fressfeindschaft mit verwilderten Hunden.

3.b. Aussterben aufgrund klimatischen Wandels

Gelegentlich angeführt wird manchmal auch ein Aussterben durch klimatischen Wandel im Holozän (Guiler, 1985). Tatsächlich war das Klima auf dem australischen Festland bis vor 6.000 Jahren erheblich feuchter, begann dann aber trockener zu werden, bis der gegenwärtige Zustand um 1.000 v.Chr. erreicht wurde (Guiler, 1985). Die zunehmende Aridisierung Australiens soll Thylacinus cynocephalus den Lebensraum oder die Beute entzogen haben und ihn so zum Aussterben verurteilt haben. Die Abwegigkeit dieses Erklärungsmusters tritt angesichts der historischen Verbreitung von Thylacinus cynocephalus und der Tatsache, dass derartige klimatische Schwankungen seit dem Miozän regelmäßig aufgetreten sind (Murray, 1991), klar hervor. Der historische Beleg umfasst sowohl die feuchten Waldregionen Victorias, Neu-Guineas und Tasmaniens als auch die vor 5.000 v.Chr. trockenen Regionen des inneren Victoria, Western Australia und South Australia.

3.c. Anekdotische Überlieferungen aus dem 19. Jahrhundert

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Beutelwolfmalerei aus Gould: The Mammals of Australia

In Kenntnis der Möglichkeit einer schleichend fortschreitenden Rarefizierung des Beutelwolfes stellt sich die Frage, ob nicht in den Berichten der britischen Kolonisten und der frühen australischen Wissenschaft sowie in den wenigen aufgezeichneten Erinnerungen der Aborigines anekdotische Belege für eine Begegnung mit einer verbliebenen Festlandspopulation von Beutelwölfen enthalten sind. Diese Frage wurde erstmals von Robert Paddle in seinem Bestreben, sich maßgeblich an originalen Quellen zu orientieren, erörtert (Paddle, 2000). Und tatsächlich lassen sich Berichte britischer Naturforscher finden, die “Festlands-Tiger” thematisieren. Der Chirurg und Naturforscher Dr. John Palmer Litchfield berichtet 1840 folgendes:

>>The dog-faced Dasyurus or native dog (...) occasion[s] much annoyance to the first settlers of a country. In Van Diemen's Land [=T asmania] it was found necessary to offer a reward...In the province [of South Australia]it was also found necessary to offer a reward for destroying them, but their ravages are now pretty much confined to the thinly settled districts.<< (South Australian Record and Australasian Chronicle, 21 March 1840)

>> Der hundsgesichtige Raubbeutler oder Beutel-Hund...sorgt für großen Ärger unter den ersten Siedlern eines Landstriches. In Van Diemen's Land [T asmanien] sah man es als notwendig an, einen Preis auf seinen Kopf auszusetzen. In der Provinz [ South Australia] sah man es ebenso als notwendig an, einen Preis auszusetzen, um sie auszurotten, aber die von ihnen ausgehenden Verwüstungen sind heute weitgehend auf die dünn besiedelten Bezirke begrenzt.<<

Unproblematisch ist die Identität von Litchfield's “dog-faced Dasyurus” mit Thylacinus cynocephalus, wobei “dog-faced” die wörtliche Übersetzung des Artnamens cynocephalus ins Englische ist. Es entspricht auch den historischen Tatsachen, dass bereits vor dem offiziellen staatlichen Preis auf Thylacinus cynocephalus in Tasmanien von 1888 private Kopfgelder ausgesetzt wurden (Guiler, 1985). Litchfield belegt demnach anekdotisch das Vorkommen von Thylacinus cynocephalus in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in South Australia, aber auch gezielte Bejagung und Verschwinden der Spezies. Paddle führt einen weiteren britischen Naturforscher, nämlich einen Dr. Cambrian, als Zeuge von “Festlandstigern” an (Paddle, 2000): Cambrian berichtet, persönlich die Überreste von zwei “Festlandstigern” untersucht zu haben. Zum einen habe es sich um ein in den Blue Mountains in der Nähe von Sydney in New South Wales getötetes Tier gehandelt, zum anderen um ein in South Australia erlegtes Weibchen. Cambrian postulierte ein Verbreitungsgebiet von Thylacinus cynocephalus auf dem Festland zwischen South Australia im Süd-Westen und New South Wales im Nord-Osten. Bemerkenswert ist wiederum der anekdotische Beleg für einen Hinweis auf ein Vorkommen in South Australia. Die Möglichkeit, dass Cambrian die Überreste von Tieren aus Tasmanien vorgelegt und ihm gegenüber fälschlicherweise als “Festlandstiger” ausgegeben wurden, erscheint abwegig und bei den damaligen Transportmöglichkeiten zeitlich vor dem Einsetzen forgeschrittener Verwesung kaum möglich. Zuletzt sei an anekdotischen Belegen auf den anderen in Australien beheimateten Kulturkreis hingewiesen: Der aus dem Adnyamathanha- Stamm in Südaustralien stammende Aborigine Mount Serle Bob, der 1919 100-jährig verstarb, war der letzte Aborigine der behauptete, einen Beutelwolf (in seiner Sprache “Marrukurli”) auf dem australischen Festland gesehen zu haben und zwar in seiner Jugend (Paddle, 2000). Abschließend betrachtet ist der bisher bekannte anekdotische Beleg nicht gerade umfangreich, was seine Glaubwürdigkeit allerdings nicht beschädigt. Es ist nämlich zu berücksichtigen, dass die historische Quellenlage aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Australien allgemein dünn ist und wissenschaftliche Beobachtungen dort zu Beginn der Kolonisation hauptsächlich von kursorisch auftauchenden und nur kurz verweilenden Europäern gemacht wurden, die den Ureinwohnern und Kolonisten des “Gefängnis-Kontninents” voller Verachtung gegenüber standen. So ist zu erklären, warum von den frühen Kolonisten und Ureinwohnern gemachte Erfahrungen mit Beutelwölfen auf dem Festland, die beispielsweise in Litchfield's Bericht einfließen, in der wissenschaftlichen Literatur unbeachtet blieben. Für die Glaubwürdigkeit der Berichte sprechen die Übereinstimmung im Verbreitungsgebiet und das Vorkommen sowohl im Kulturkreis der Kolonisten als auch der Aborigines.

3.d. Zusammenschau

Unter Berücksichtigung der neueren oder ehemals missachteten Erkenntnisse ergibt sich in der Zusammenschau ein neuartiges Bild von der Geschichte von Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland, das an manchen Stellen klarer ist als das Guiler's beispielsweise, insgesamt jedoch alte Gewissheiten überwindet und zahlreiche neue Fragen- und Problemkreise eröffnet. Die Thylacinidae sind eine indigene australische Familie der Beuteltiere, die sich im Altoligozän wohl im Norden Australiens von den Dasyuridae getrennt haben. Sie durchläuft keine große Auffächerung und bringt bereits im späten Miozän die Gattung Thylacinus hervor, die ihren Grundbauplan in den folgenden Jahrmillionen nur geringfügig abwandelt. Im Pleistozän tritt Thylacinus cynocephalus als mittelgroßer Räuber der Dämmerungs- und Nachtzeit auf, der nach dem Verschwinden der pleistozänen Megafauna größter endemischer Landräuber der holozänen Notogaea wird. Ebenfalls im Holozän erfolgt die Trennung der Population in mehrere Subpopulationen, getrennt durch die Bass- und Torres-Strait. Die australische Population ist physisch bis etwa 1000 v. Chr. nachweisbar, anekodotischer Beleg lässt sich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts finden. Monokausale Erklärungen des Verschwindens dieser Population leiden an fehlerhaften Annahmen und sind wenig stichhaltig. Ob der quantitative Rückgang von Thylacinus cynocephalus in der fossilen und subfossilen Überlieferung auf dem australischen Festland in den letzten Jahrtausenden mit einem Niedergang der Population zusammenfällt und was die etwaige Erklärung dafür ist, sind offene Fragen.

4. Auswirkungen auf die kryptozoologische Perspektive

Die Auswirkungen auf den kryptozoologischen Problemkreis eines Überlebens von Thylacinus cynocephalus über den 7. September 1936 hinweg sind immens: Die überwiegende Mehrzahl aller mutmaßlichen Sichtungen von Beutelwölfen nach diesem Datum stammen vom australischen Festland, ihnen wurde jedoch durch das bisherige Verständnis von der Geschichte der Festlandspopulation jede Plausibilität abgesprochen. Diffuse Rechtfertigungsversuche über angebliche Umsiedelungen durch das australische Fauna Board zu Beginn des 20. Jahrhunderts taten ihr übriges, um ein vielversprechendes kryptozoologisches Problemfeld vollends zu diskreditieren. Im Lichte des neu gewürdigten physischen und anekdotischen Beleges strahlen die angeblichen Festlandssichtungen aber in neuem Glanz, insbesondere auch die wenigen vor 1937 gemeldeten Sichtungen. Das Modell einer zunehmenden Rarefizierung lässt ausdrücklich Raum für einzelne, regional eng beschränkte Reliktpopulationen, die bis in die heutige Zeit hätten überdauern können. Derartige Populationen würden erwartungsgemäß durch die zunehmende Landnutzung in Australien mit dem Menschen in Kontakt treten und einen kryptozoologischen Problemkreis eröffnen.

5. Mutmaßliche Beutelwolf-Sichtungen auf dem Festland

Im Gegensatz zu den angeblichen Sichtungen von Beutelwölfen in Tasmanien nach 1936, die Gegenstand wissenschaftlicher Auswertung und Sammlung wurden (Guiler, 1985), existiert keine derartige umfassende Systematisierung der Festlands-Sichtungen. Es liegen lediglich geographisch oder zeitlich spezialisierte Sammlungen und Einzelauswertungen vor. In ihrer Summe gehen die Sichtungen in die Zigtausende, geographisch verteilen sie sich über den ganzen australischen Kontinent, jedoch mit Schwerpunkt auf den Süden. Die Anzahl an Sichtungen ist sowohl absolut als auch pro Jahr abgesehen von lokalen Maxima und scheinbar periodischen Schwankungen stetig wachsend. Zeitlich sind Sichtungen vor 1936 dokumentiert (Heberle, 2004). Im Folgenden soll auf zwei bemerkenswerte Sichtungen, die großes mediales Interesse gefunden haben, hingewiesen werden. Danach wird der Versuch unternommen aus statistischen Sichtungsdaten allgemeine Schlüsse zu ziehen.

5.a. Die Doyle-Sichtung von 1973

Eine der bekanntesten und aufgrund des Vorliegens von Filmmaterial auch eine der spektakulärsten angeblichen Sichtungen ist eine nach dem Ehepaar Doyle benannte 8 Millimeter-Filmaufnahme aus dem Jahr 1973. Das jung verheiratete Ehepaar Liz und Gary Doyle hatte während eines Ausflugs im australischen Staat South Australia zufällig aus dem fahrenden Auto heraus ein ihnen unbekanntes Tier beim Überqueren einer Straße gefilmt. Der Film zeigt in seiner Länge von etwa 10 Sekunden ein vierbeiniges Säugetier, das auf die Straße vor den Doyles zurennt und sie vor dem fahrenden Auto überquert. Auffällig an dem Tier ist sein langer, steifer und kaum bis gar nicht behaarter Schwanz, den es unbeweglich hinter sich herzieht. Dies bildet auch die Grundage für eine mögliche Identifzierung als Thylacinus cynocephalus. Der Film ist nicht farbecht, so dass die dunkelbraune Färbung des Tieres nicht ins Gewicht fällt. Streifen sind jedenfalls keine erkennbar. Von Befürwortern der Beutelwolf-Identifikation angeführte Argumente sind weiterhin das angeblich “känguruh-artige” Bewegungs- und Fußungsschema und die Körperproportionen des Tieres. In der Wissenschaft herrscht keine Einigkeit über das Bewegungs- und Fußungsschema von Thylacinus cynocephalus und die einzige ernsthafte Rekonstruktion stellt Moellers mithilfe der wenigen Filmaufnahmen von Zootieren aufgestelltes Modell dar (Moeller, 1997). Moellers Modell gibt keinen Hinweis auf das von Trappern gemeinplatzartig beschriebene und angeblich im Doyle-Film zu sehende “känguruh-artige” Hüpfen. In jedem Fall kann in dieser Unkenntnis ein solches Argument nicht angeführt werden. Die Körperproportionen des Tieres auf dem Film stehen nach Vergleich des Autors mit den ebenfalls von Moeller ermittelten durchschnittlichen Körperproportionen von Thylacinus cynocephalus überein (Moeller, 1997). Dies ist aber aufgrund der allgemein schlechten Qualität und Auflösung des Films nicht besonders aussagekräftig und in keinem Fall eine positive Identifikation. Abschließend lässt sich zwar nicht widerlegen, dass es sich bei dem gefilmten Tier um einen Beutelwolf handelt, eine positive Identifikation ist aber jedenfalls ausgeschlossen.

5.b. Die Cameron-Fotografien von 1986

http://www.kryptozoologie-online.de/ima ... tfuchs.jpg
Die Verbreitung des Rotfuches in Australien. Man beachte die nahezu vollkommene Korrelation mit angeblichen Beutelwolf-Sichtungen.

Im April 1986 stand die australische Öffentlichkeit noch unter dem Schock des nun offiziellen Aussterbens von Thylacinus cynocephalus. 1982 hatte die IUCN (International Union for Conservation of Nature) den Beutelwolf als ausgestorben erklärt. Auch wenn durch die so genannte Naarding-Sichtung in Tasmanien wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer blieb, breitete sich die schmerzliche Gewissheit aus, für den Verlust des größten Raubbeutlers verantwortlich zu sein. In diese emotional aufgeheizte Situation platzten die im renommierten New Scientist veröffentlichten Farbfotografien, die Kevin Cameron in Western Australia gemacht haben wollte (Douglas, 1984). Sie zeigten eindeutig das Hinterteil eines im Busches verschwindenden Beutelwolfes und waren bestens geeignet, das offenundige Bedürfnis der Menschen nach moralischer Erleichterung zu stillen. Von Beginn an störten sich die Fachleute allerdings an einer etwas unnatürlichen und steifen Körperhaltung, insbesondere der steil nach oben gereckte Schwanz erschien unglaubwürdig. Nachdem das Misstrauen erst einmal geweckt worden war, dauerte es nicht lange, bis eindeutige Belege für Betrug entdeckt wurden: Die Fotografien zeigten das Tier alle in etwa aus der selben Perspektive, was den Eindruck erweckt, sie seien alle unmittelbar hintereinander geschossen worden. Dem war allerdings nachweislich nicht so: An einem auf allen Bildern befindlichen Baum konnte man sehr gut das Wandern des Sonnenschattens zwischen den einzelnen Aufnahmen nachvollziehen. Da sich die Körperhaltung des Tieres in all der verstrichenen Zeit nicht verändert hatte, bedeutet dies, dass Cameron ein statisches Modell oder sogar ein Präparat, das in den Busch drapiert wurde, abfotografiert hatte. Aus dem Hoffnungsträger war eine lumpige Fälschung geworden. Leider wurden die genauen Umstände der Fälschung nicht aufgedeckt, die Schäden für die Kryptozoologie waren jedoch erheblich: In der Folgezeit sollte keiner Sichtung mehr eine solche mediale Aufmerksamkeit gewidmet werden und die Frage nach einem Überleben des Beutelwolfes wurde in der öffentlichen Wahrnehmung von einem berechtigten wissenschaftlichen Interesse zu einem Steckenpferd für Spinner und Fälscher.

5.c. Allgemeine Betrachtungen zu den Sichtungen

Geschlossen werden soll mit einer allgemeinen Betrachtung der Sichtungsstatistiken. Hierzu werden die Statistiken der Rare Fauna Research Society und die von Greg Heberle für den Bundesstaat Western Australia erstellte Statistik verwendet (Heberle, 2004). Zur räumlichen Verteilung aller mutmaßlichen Sichtungen auf dem australischen Kontinent ist festzustellen, dass sich die Mehrzahl aller gemachten Sichtungen auf die Südküste des Kontinents beschränkt, was dem jüngsten historischen Verbreitungsgebiet von Thylacinus cynocephalus entspricht. Andererseits ist anzumerken, dass sich dort ebenfalls eine Konzentration der australischen Bevölkerung befindet, also auch eine Mehrzahl der möglichen “Sichtungsmacher”. Ebenfalls feststellbar ist auch, dass die räumliche Verteilung der mutmaßlichen Sichtungen nahezu vollständig mit den Verbreitungsgebieten von Dingo und Rotfuchs (Vulpes vulpes) in Australien korreliert. Insgesamt streitet die räumliche Verteilung der Sichtungen also gegen deren Validität, da eine Erklärung durch Fehlidentifikation von Dingo und Rotfuchs einfacher ist und ihr somit der Vorzug zu gewähren ist. Im Anschluss sei die zeitliche Verteilung von gemeldeten Sichtungen in Western Australia betrachtet: Bemerkenswert zunächst, dass auch Sichtungen vor der Verbreitung der Erkenntnis des Aussterbens von Thylacinus cynocephalus vor den 1940ern gemacht wurden. Somit sind nicht alle Sichtungen als von Schuldgefühlen gespeiste Hirngespinste oder Fehlidenitifikationen abzutun und es scheint schon längere Zeit eine Vermutung des Vorkommens des Beutelwolfes in Western Australia zu bestehen. Die Anzahl an Sichtungen pro Jahr steigt von scheinabar zyklischen Schwankungen abgesehen stetig. Aus sich in Tasmanien ganz ähnlich verhaltenden Statistiken leitete Guiler ein Wachsen der vermuteten Population von Beutelwölfen ab (Guiler, 1985).

http://www.kryptozoologie-online.de/ima ... eberle.jpg
Anzahl der Beutelwolf-Sichtungen in Western Australia pro Jahr. Grafik nach Heberle, 2004)

Abstrakt betrachtet erscheint die Anzahl der Sichtungen pro Jahr als Produkt von Intensität tierischer Aktivität und menschlicher Aktivität sowie der Bereitschaft, eine gemachte Sichtung zu melden. Unzweifelhaft stiegen seit den 1930ern sowohl menschliche Aktivität im Busch als auch Bereitschaft die Sichtung eines ungewöhnlichen Tieres zu melden sprunghaft an. Eine Erklärung der steigenden Sichtungszahl pro Jahr durch ein Anwachsen der tierischen Aktitivität ist somit unnötig und Guiler's Schluss nicht zulässig. Das zyklische Anschwellen zu Höchstständen und das sich anschließende Abfallen wie zu beobachten Ende der 1960er, in den 1980ern und den 1990ern erscheint als Funktion der menschlichen Bereitschaft, Sichtungen zu melden. Ende der 1960er wurden die fantastisch erhaltenen Beutelwolfmumien in Western Australia gefunden, die Anlass zu zahlreichen Spekulationen in der Presse wurden (Moeller, 1997). In den 1980er Jahren war der Beutelwolf durch die Naarding-Sichtung und das offizielle Aussterben Medienthema wie nie zuvor und die 1990er Jahre erlebten ein Wiederaufleben der Hysterie der 1980er mit zahlreichen Sichtungen in Tasmanien und Südaustralien. Ebenfalls interessant ist die zeitliche Verteilung der gemeldeten Sichtungen in Western Australia über den Tag hinweg: Die Verteilung entspricht in etwa einer Glockenkurve mit Hochpunkt um die Mittagsstunde (26 % aller Sichtungen) und in Richtung Nacht- und Morgenstunden steil abfallend (Heberle, 2004). Die Verteilung gemeldeter Sichtungen auf unterschiedliche Tageszeiten erscheint als Funktion des Produktes von tierischer Aktivität und der menschlichen Aktivität. Dies bedeutet, dass am Hochpunkt der Glockenkurve die Schnittmenge der Intensität von tierischer und menschlicher Aktivität am größten ist. Für den Menschen mit seiner auf den Tag zentrierten Aktivität verwundert ein Maximum der Sichtungen um die Mittagszeit nicht. Für den dämmerungs- und nachtaktiven Beutelwolf hingegen erscheint dies unpassend. Würden lediglich echte Beutelwölfe gesichtet, müsste die Kurve tatsächlich zwei Hochpunkte zur Dämmerungszeit, wo die Schnittmenge zwischen tierischer und menschlicher Aktivität am größten wäre, besitzen und zwischen den beiden Hochpunkten in einem äußerst niedrigen Plateau zur Tageszeit und einem höher gelegenen Plateau zur Nachtzeit verlaufen. Dieser Kurvenverlauf ist nicht gegeben, daher bedarf er einer anderen Erklärung: Zweifelsohne würden oftmals, selbst wenn es noch Beutelwölfe gäbe, Hunde, Dingos und Füchse faslch identifiziert und als Beutelwolfsichtung gemeldet. Diese Tiere besitzen den Schwerpunkt ihrer Aktivität in den Tagesstunden, was eine zutreffende Erklärung für den Verlauf der vorliegenden Glockenkurve ist. Andererseits würden diese Tiere im Vergleich zu einer Reliktpopulation von Beutelwölfen um ein Vielfaches zahlreicher vorkommen, so dass sie in jedem Fall die Statistik beherrschen würden, in der die wenigen authentischen Beutelwolfsichtungen einfach untergingen. Jedenfalls sind Hunde, Dingos und Füchse verantwortlich für die vorliegende Verteilung. Ob sich hinter diesem Phänomen Reliktpopulationen von Beutelwöfen verbergen, die in der Statisik untergehen, ist aus den Daten heraus unentscheidbar. Erst ein unumstößlicher physischer Beleg wird den Beutelwolf aus der Traumzeit der ausgestorbenen Spezies befreien können.

Quellennachweis:

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  • Bensley, B.A. (1903), On the evolution of the Australian Marsupialia; with remarks on the relationships ofthe marsupials in general - Trans. Linn. Soc. Lond., 9: 83-218.
  • Corbett, L.K. (1995), The Dingo. In: Strahan,R.(Ed.),The Mammals of Australia.- Reed Books, Chatswood, Australia.
  • Dawson, L. (1982), Taxonomic status of fossil thylacines from late Quaternian deposits in eastern Australia; in: Archer, M. (Ed.), Carnivorous Marsupials Vol.2 – Roy. Zool. Soc. ofNew South Wales, Sydney 527-536
  • De Vis, C.W. (1893), A Thylacine of the Earlier Nototherian Period in Queensland - Procl. Linn. Soc. NSW., Sydney 8, 443-447.
  • Dixon, J. M. (1989), Thylacinidae. In: Walton, D.W . & B.J. Richardson (Eds.), Fauna ofAustralia. Vol. 1B. - Austr. Governm. Publish. Service, Canberra: 549-559.
  • Douglas, A.M. (1986), Tigers in West Australia? – New Scientist, New York, 110 (1505): 44-47.
  • Guiler, E.R. (1985), Thylacine: The Tragedy ofthe Tasmanian Tiger.- Oxford Univ. Press, Melbourne u.a. .
  • Heberle, G. (2004), Reports ofalleged thylacine sightings in Western Australia.- Conservation Science W . Aus. 5 (1): 1-5.
  • Lowenstein, J.M. (1981) et. al. , Albumin systematics of the extinct mammoth and the Tasmanian Wolf. - Nature, 291:409-411.
  • Lowry, D.C. (1967) & Merrilees, D., Discovery ofa thylacine in a cave near Eucla, Western Australia, Helictite vol.5 (2): 25-29.
  • Mayr, E. (1967) , Artbegriff und Evolution.-Parey,HamburgundBerlin.
  • Moeller, H.F. (1997), Der Beutelwolf; Thylacinus cynocephalus - Westarp-Wiss., Magdeburg.
  • Muirhead, J. (1992), A specialised thylacinid, Thylacinus macknessi, from Miocene deposits of Riversleigh, northwestern Queensland.- Austr. Mammal., Adelaide, 15:62-75.
  • Muirhead, J. (1990) &Archer, M., Nimbacinus dicksoni, a plesiomorphic thylacine from Tertiary deposits of Queensland and the Northern Territory.- Memoirs of the Queensland Museum, 28: 201-221.
  • Murray, P. (1991), The Pleistocene megafauna ofAustralia. In: Vicker-Rich, P . (Ed.), Vertebrate Palaeontology ofAustralia.- Monash Univ. Publications Committee, Melbourne.
  • Oakes, Ted (2003) , Monsters we met. Man's prehistoric battle for the planet. BBC Worldwide, London.
  • Owen, R. (1845), Descriptive and Illustrated Catalogue of the Fossil Organic Remains of Mammalia and Aves Contained in the Museum of the Royal College of Surgeons of England - Royal College of Surgeons of England, London.
  • Owen, R. (1877), Researches on the Fossil Remains of the Extinct Mammals ofAustralia - 2 Vols., London.
  • Paddle, R. (2000), The last Tasmanian Tiger. The History and Extinction of the Thylacine.- Cambridge Univ. Press, Melbourne u.a.
  • Simpson, G.G. (1939), The development of marsupials in South America – Physis, Florenz, 14: 373-398.
  • Sinclair, W.J. (1906), Mammalia of the Santa Cruzbed – marsupialia- . Rept. Princeton Univ. Exped. Patagonia, 4: 333-460
  • Tate, G. H. H. (1947), Results of the Archbold Expedtions No.56. On the anatomy and classification of the Dasyuridae (Marsupialia). Bull. Amer. Mus. Nat. Hist., New York, 88: 101-155.
  • Thomas, R. H. et. al. (1989), DNA Phylogeny of the extinct marsupial wolf.- Nature,340: 465-467.
  • Van Deusen, H.M.(1963) , First New Guinea record of Thylacinus.- J.Mamm., Baltimore, 44 (2): 279-280.
  • Woodbourne, M.O.(1967), The Alcoota fauna, centralAustralia. An integrated palaeontological and geological study.- Bull. Bureau ofMineral Res. for Geol. Geophys., Australia, 87: 1-87.

Literaturhinweise:

Besonders lesenswert sind:

  • Thylacine: The Tragedy of the Tasmanian Tiger. Von Eric R. Guiler, Oxoford Univ. Press 1985
  • Tasmanian Tiger: The tragic tale of howthe world lost it's most mysterious predator. Von David Owen, Johns Hopkins Univ. Press, 2003
  • Der Beutelwolf: Thylacinus cynocephalus. Von Heinz F. Moeller, Westarp 1997

Bildnachweise:

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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Marozi » 04.05.2011 19:51

Dass der Dingo kaum schuld war am Aussterben des Thylacinus in Australien hat ja bereits Vogel Greif in seinem Artikel Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland dargelegt. Borja Figueirido und Christine M. Janis haben jüngst die Ellenbogen der Art untersucht und sehen im Thylacinus mehr "Tiger" als "Wolf" und damit einhergehend auch die Konkurrenzsituation zu den Dingos als Hauptgrund für das Aussterben skeptisch (Abstrakt s. u.; deutschsprachiger Artikel bei derStandard).

Borja Figueirido and Christine M. Janis
The predatory behaviour of the thylacine: Tasmanian tiger or marsupial wolf?
Biol Lett 2011 : rsbl.2011.0364v1-rsbl20110364.

The extinct thylacine (Thylacinus cynocephalus) and the extant grey wolf (Canis lupus) are textbook examples of convergence between marsupials and placentals. Craniodental studies confirm the thylacine's carnivorous diet, but little attention has been paid to its postcranial skeleton, which would confirm or refute rare eyewitness reports of a more ambushing predatory mode than the pack-hunting pursuit mode of wolves and other large canids. Here we show that thylacines had the elbow morphology typical of an ambush predator, and propose that the ‘Tasmanian tiger’ vernacular name might be more apt than the ‘marsupial wolf’. The ‘niche overlap hypothesis’ with dingoes (Canis lupus dingo) as a main cause of thylacine extinction in mainland Australia is discussed in the light of this new information.
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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Allosaurus » 07.05.2011 09:47

Wirklich tolle Artikel, Daumen hoch ;). Blöderweise ist die simplifizierte Dingo-Hypothese wirklich sehr populär, wenn ich mich nicht irre ist sie sogar in den genialen Werken von Alan Turner zu finden (aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ist ein Jahr her dass ich diese gelesen habe). Auf Wikipedia wird diese mittlerweile ebenfalls wieder vertreten.

LG
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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Althäea » 03.01.2014 15:09

Ich war mir jetzt nicht sicher wo das genau hingehört und ob es den Artikel evtl. schon mal gibt und ich ihn übersehen habe.

http://www.fv-berlin.de/news/begrenzte-genetische-vielfalt-beim-ausgestorbenen-tasmanischen-tiger

Was meint ihr dazu?
Nehmen wir an es gäbe irgendwo noch eine Population.
Die Genetische "Einschränkung" besteht ja schon länger und falls es beim Teufel auch so ist auch bei einer noch lebenden Spezies wann und ob könnte es zu einer beeinträchtigung kommen?
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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Beren » 04.01.2014 15:35

Ich denk mal das ist ne quantitative Sache, das mit genetischen Flaschenhälsen is ja auch bei noch lebenden Säugetieren (Gepard, Arabische Oryx, Alpensteinbock) nicht unbekannt. Einerseits lässt sich sagen ok, die Spekulation ist müßig weil der Beutelwolf so oder so ausgestorben ist, andererseits lässt sich sagen wenn es ihn noch geben sollte, ist das mit der genetischen Vielfalt auch egal, weil er dann ohnehin auch so nicht mehr lange machen wird.
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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Allosaurus » 04.01.2014 15:50

andererseits lässt sich sagen wenn es ihn noch geben sollte, ist das mit der genetischen Vielfalt auch egal, weil er dann ohnehin auch so nicht mehr lange machen wird.

Nicht unbedingt; beim Beutelwolf sind zwar keine nahen Verwandten vorhanden, die durch Introgression seine Diversität erhöhen könnten wie im Falle Pzrewalskipferd und Wisent, aber ein Flaschenhals muss nicht notwendigerweise bedeuten, dass es zu einer Inzuchtdepression kommt. Es bedeutet lediglich, dass die Tiere stärker homozygot werden, da können schädliche Allele ebenso verschwinden wie nichtschädliche (btw gibt es genug Spezies, die generell keine großen Bestandszahlen oder Verbreitungsgebiete haben ohne dass sie bedroht sind). Ist der Selektionsdruck groß während des Bottleneck-events kann es durch Purging sogar dazu kommen, dass die gerade schädlichen Allele ausgemerzt werden und die hilfreichen übrig bleiben. Ein Beispiel ist das Chillingham-Rind, das schon beinahe genetisch homogen ist, weil es durch etliche starke Flaschenhälse ging, die u.a. von Maul-und-Klauen-Seuche ausgelöst wurden. Als Konsequenz sind die Rinder heute gegen diese Krankheit absolut resistent. Das birgt natürlich das Risiko, dass sie für andere Krankheiten anfälliger sind; aber wenn wir es auf den Beutelwolf umlegen, hätten sie durchaus gegen die mysteriöse Seuche die die Bestände anfangs des 20. Jhdt dezimierte, resistent werden können wenn Zoos gleichzeitig extensive Erhaltungszucht betrieben hätten und krankheitsanfällige Tiere immer rechtzeitig ausgeschlossen hätten. So stelle ich mir das jedenfalls vor.
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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Beren » 06.01.2014 19:42

Danke für deine Ausführungen - ich hätte vielleicht anmerken sollen, dass ich von der Prämisse ausging dass wenn es ihn noch gäbe, die Population eh zu gering wäre um sich, bottleneck hin oder her, noch lange halten zu können ;)
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Re: Thylacinus cynocephalus auf dem australischen Festland

Beitragvon Althäea » 08.01.2014 16:07

Sehr schön erklärt.

Vielen Dank
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