23 | 10 | 2017
Hauptmenü
Translation
Kryptozoologie-Report
RSS
Partnerprojekte

Die rätselhaften Dickhäuter Ozeaniens: Teil I

Rätselhafte Dickhäuter Ozeaniens

 

Einführung und Überblick

 

David Bowman, Professor am Botanischen Institut der University of Tasmania in Hobart hat sich im Februar 2012 mit einem scheinbar aberwitzig abstrusen Vorschlag weltweit bekannt gemacht (Bowman, 2012). In einem Meinungsteil der Nature schlug er nämlich nach einer kühlen Bestandsaufnahme der ökologischen Probleme Australiens allen Ernstes vor, Elefanten und Nashörner auf dem roten Kontinent auszuwildern, als Allheilmittel für ausufernde Buschbrände und andere ökologische Verwerfungen zudem sollte dies gleichzeitig zur Bestandssicherung der bedrohten Dickhäuter dienen. Tatsächlich ist ein wichtiger Faktor beim Entstehen der alljährlichen Wildbrände das eingeschleppte afrikanische Gamba-Gras, ein Süßgras, das zur Nahrung der afrikanischen Elefanten gehört. Mit seinem Vorschlag reihte sich Bowman nun zwar in die Schar jener Öko-Ingenieure ein, die das äußerst umstrittene Konzept vertreten, eine invasive Spezies durch eine weitere einzuführende Spezies einzudämmen. Dies allein dürfte allerdings kaum das weltweite Medienecho erklären, das seiner Veröffentlichung folgte. Es war wohl vielmehr die ins Auge stechende Abwegigkeit von Elefanten und anderen Dickhäutern auf australischem Boden, die den plakativen Reiz der Meldungen ausmachte.

Aber ist diese Vorstellung wirklich so abwegig, wie die breite Meinung suggeriert?

Bei einem gründlichen Studium der Zoologie und Paläozoologie Ozeaniens, also der pazifischen Lebenswelten einschließlich des australischen Inselkontinents, tritt nämlich zu Tage, dass es von Australien über Papua-Neuguniea bis nach Neu-Kaledonien faszinierende und zugleich in höchstem Maße rätselhafte Belege und Indizien für ozeanische Dickhäuter gibt.

Diese Funde gehören zu den größten bestehenden Anomalien der Paläontologie und Biogeographie Ozeaniens. Sie reichen von der Erdgeschichte bis in die jüngste Vergangenheit, von Talismanen aus versteinerten Zähnen über australische Elefanten bis hin zu nächtlichen Flusspferdjagden in den Sümpfen Nordaustraliens.

Versprengte Nashörner

Dickhäuter im engeren Sinn ist eine heute systematisch obsolete Sammelbezeichnung, die die großen haarlosen Säugetiere mit dicker Haut, nämlich Rüsseltiere, Nashörner und Flusspferde, zusammenfasst. Seit der jüngsten Vergangenheit sind diese Gruppen auf die warmen Regionen der alten Welt, Afrika und Asien, beschränkt.

Dabei gehören Nashörner und Elefanten heutzutage zu den Dickhäutern, die in Indonesien in der größten Nähe zum ozeanischen Faunenraum vorkommen. Das indonesische Archipel wird dabei vom asiatischen Elefanten, Elephas maximus, in zwei Unterarten auf den Inseln Sumatra und Borneo bewohnt. Nashörner kommen dort in den Gattungen Rhinoceros und Dicerorhinus auf auf den Inseln Sumatra, Borneo und Java vor. Das Javanashorn, R. sondaicus, ist dabei der Dickhäuter, dessen Lebensraum Ozeanien am nächsten liegt, obgleich es Berichte und scheinbare Belege von Nashörnern auch aus Ozeanien selbst gibt.

 

Das Rhinoceros von Neuguinea

 

In der renommierten Nature erschien 1875 ein kurzer Bericht des Zoologen Alfred Walker darüber, dass ein Lt. Sidney Smith vom britischen Vermessungsschiff H.M.S. Basilisk bei einem Landgang an der Nordküste von Neu Guinea zwischen Huon Bay und Cape Basilisk an mehreren Stellen große Haufen von Exkrementen entdeckt hatte, die er mit denen eines Rhinoceros verglich. Außderm sei die umgebende Vegetation von einem großen Pflanzenfresser schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Präsenz eines großen, der Wissenschaft unbekannten Pflanzenfressers auf Neu Guinea sei hiermit belegt. (Walker, 1875 )

In der folgenden Ausgabe entbrannte durch einen Letter des Dresdners A.B. Meyer eine Diskussion über die tatsächliche Identität des Tieres: Meyer hielt das Vorkommen eines Rhinoceros auf Neu Guinea für sehr unwahrscheinlich, teilte aber mit, dass er während seines Aufenthaltes an der Südküste von Neu Guinea von den Eingeborenen auf einen riesigen Pflanzenfresser mit einer Schulterhöhe von 6 ft. aufmerksam gemacht worden sei, der sehr selten sei und den Namen „Devil Pig“ trage. Beide Berichte zusammen ließen das Vorkommen eines großen vierfüßigen Pflanzenfressers auf Neu Guinea wahrscheinlicher erscheinen.

Walker rückte daraufhin in seiner Antwort von der Identifikation als Rhinoceros ab und veröffentlichte als Annex den genauen Bericht des Lt. Smith:

 

>>

1. The heap of dung first seen, which was quite fresh ( not having apparently been dropped more than half an hour), was so large that it excited Mr. Smith’s curiosity, and he called Capt. Moresby to see it. Neither of them knew to what animal to assign it. Quantities of dry dung were afterwards seen.

 

2. Shortly afterwards the Basilisk being at or near Singapore , Capt. Moresby and Mr. Smith paid a visit to the Rajah of Jahore, who a rhinoceros in confinement. Mr. Smith at once reported and pointed out to Capt. Moresby (who agreed with him) the strong resemblence between the dung of this animal and that they had seen in Papua.

 

<< 

( Meyer, 1875 )

 

In der Folgezeit galt der von Walker vorgelegte Bericht Smith’s als kuriose Anekdote zur Biogeographie Ozeaniens und wurde erst vom russischen Zoologen Heptner 1960 wieder aufgegriffen (Heptner, 1960). Heptner wies den Bericht allerdings rundheraus zurück und wollte von der Existenz eines unbekannten Großtieres im Norden Neu-Guineas nichts wissen, konnte er doch in den Aufzeichnungen des russischen Neu-Guinea-Endeckers Miklucho-Maklay, der Ende des 19. Jahrhunderts auch eine gewisse Zeit an der Huon Bay lebte, keine Hinweise auf einen unbekannten, großen Pflanzenfresser finden.

Was für ein Tier sich hinter dem “Rhinoceros von Neu Guinea” verbirgt und ob es identisch mit dem “Devil pig” ist, ist bis heute ungeklärt. In der Folgezeit wurde u.a. vom  Kryptozoologen Karl Shuker spekuliert, ob es sich bei diesen Rätseltieren um Relikte der australasischen Megafauna handeln könnte, nämlich verschiedenen Formen von Riesenwombats wie Diprotodontiden oder Palorchestiden (Beuteltapiren). Für diese Tiere gibt es zudem auch noch weitere, allerdings umstrittene Belege, bespielsweise im kulturellen Schaffen der Bewohner Neu Guineas (Shuker,  1996).

Von der Hand zu weisen ist auch die Möglichkeit von out-of-Place Sumatra- oder Javanashörnern nicht. So bleibt eine rätselhafte Anekdote aus dem späten 19. Jahrhundert, die zum Glück in der Nature für die Nachwelt erhalten blieb.

Wenn es allerdings einen Ort auf der Welt gibt, wo sich riesige Pflanzenfresser der Wissenschaft bis heute entziehen könnten, dann erscheint das dünn besiedelte und wenig erschlossene Neu Guinea dieser Ort zu sein.

 

 

Das Rhinoceros von Neu-Kaledonien

 

Eine wahrhaftige paläontologische Absonderlichkeit, die sämtlichen Regeln der Biogeographie, also der Lehre von der geographischen Verteilung der Lebensformen auf dem Globus, zu widersprechen schien, wurde 1876 von Filhol aus der  französischen Pazifikkolonie Neu-Kaledonien beschrieben ( Filhol, 1876).  Goldschürfer hatten dort im Diahot-Tal einen einzelnen fossilen Zahn eines Rhinoceros entdeckt. Wie es ein Nashorn auf die entlegene Pazifikinsel hätte verschlagen können war einfach unerklärlich. Tausende Kilometer entfernt von den belegten Populationen der indonesischen Nashornarten gab es keine plausible Erklärung für dieses Fossil. Der Fund wurde dann in den 1980er Jahren noch einmal heftig diskutiert, nachdem er zunächst von Guérin et al. als einem Riesenwombat zugehörig als Grundlage für die Neubeschreibung der Art Zygomaturus diahotensis Verwendung fand (Guérin et al., 1981). Guérin ging dabei von einem umfangreichen Faunenaustausch zwischen Australien und Neukaledonien in der Vergangenheit aus, so identifizierte er beispielsweise auch den neukaledonischen Megapoden Sylviornis neocaledoniae, ein riesiges Großfußhuhn, als einen mit dem Emu verwandten Laufvogel. Guérin et al.  Identifikation als Riesenwombat wurde 1987 allerdings von Rich et al. widerlegt und der Zahn eindeutig als Prämolarzahn eines Nashornes erkannt ( Rich et al., 1987). Der kuriosen Wendungen war es aber noch nicht genug, denn der Zahn wurde im folgenden als zu einer fast 20 Mio. alten westeuropäischen Nashornart des Miozäns, Brachypotherium brachypus, zugehörig erkannt ( Antoine, 2011). Ein Vorkommen von Brachypotherium brachypus, das aus dem miozänen Frankreich bekannt war, auf Neukaledonien ließ sich keinesfalls erklären. Das Fossil musste also von einem Europäer an seinen Fundort verbracht worden sein. Und tatsächlich ließen sich Berichte von einem französischen Strafgefangenen finden, der nach Neukaledonien deportiert worden war und einen fossilen Zahn als Talisman besessen haben soll (Antoine, 2011). Die offensichtliche Erklärung ist also, dass dieser Talisman des Gefangenen der fossile französische Nashornzahn war und dieser irgendwo am Diahot-Fluss verloren gegangen war, wo ihn dann später die Goldgräber finden konnten. Hinter dem Rhinoceros von Neu-Kaledonien verbirgt sich demnach weder ein Riesenwombat noch das reisefreudigste Nashorn aller Zeiten, sondern viel mehr ein Fall von paläontologischer Umweltverschmutzung durch europäische Kolonisten.