17 | 12 | 2017
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Die rätselhaften Dickhäuter Ozeaniens: Teil III

Hippos Down Under

 

Unzweifelhaft belegt ist das zumindest temporäre Vorkommen der dritten großen Dickhäutergruppe im tropischen Sumpfland im Norden Australiens. Denn im November des Jahres 2009 machte der unumstößliche Beleg für das Vorkommen von Flußpferden im Northern Territory Schlagzeilen: Auf einer nächtlichen Scheinwerferjagd am 12.11.2009 auf dem Gelände einer Station in der Douglas and Daly River – Region, 200 km südlich von Darwin, war dem damals 27-jährigen Nico Courtney nämlich das sonderbarste Schwein seiner Jägerlaufbahn vor den Abzug gelaufen (Betts, 2009). 

Gegen 1 Uhr nachts scheuchten die Jäger mit ihrem Scheinwerfer ein Stück Wild  auf, das sie in der Hinteransicht zunächst für ein wohlgenährtes Wildschwein hielten. Nach dem Fangschuss und dem Begutachten kam der Schreck für die Jäger, dort lag kein Schwein, sondern ein kleines Flusspferd. Eine hitzige Diskussion brach unter den Jägern aus, keiner von ihnen hatte jemals von eingeschleppten Flusspferden in Oz gehört. Aufgrund der geringen Größe des Tieres mit einer Länge von nur etwa 150 cm und einer Schulterhöhe von einem knappen Meter kam einer der Jäger auf den Gedanken, dass es sich bei dem Tier nur um ein Junges handeln könne, dessen ausgewachsene Eltern womöglich gleich aus dem Busch gestürmt kämen. Die Gruppe hielt es daraufhin für nicht mehr ratsam, sich weiter bei Dunkelheit dort aufzuhalten. 

Nach dem Rückzug telefonierte Courtney mitten in der Nacht seine Bekannten durch, um Rat einzuholen, was jetzt zu tun sei. Die einhellige Meinung der Aussies war aber, zunächst eine gute Mütze Schlaf zu nehmen und am nächsten Morgen erfrischt und möglicherweise ausgenüchtert, noch einmal nachzuschauen, worum es sich denn wirklich handelt.

Doch auch bei Tageslicht blieb es dabei: Ein kleines, weibliches Flusspferd von 250kg Gewicht war in der vergangenen Nacht geschossen worden. Die weiteren Nachforschungen brachte dann Courtney’s Boss Gordon Coward, der Besitzer der Station, voran. Er erkannte, dass es sich bei dem Tier um ein westafrikanisches Zwergflusspferd, Choeropsis liberiensis,  handelte, wie er es von der nahegelegenen Tipperary Station kannte. Dort hatte sich der exzentrische Baulöwe und Millionär Warren Perry Anderson in der Vergangenheit einen Privatzoo mit allerlei exotischen Tieren eingerichtet, u.a. vier westafrikanischen Zwergflusspferden. Diese kleinen Vettern der großen Nilpferde zeichnen sich neben ihrer viel kleineren Größe von höchstens 2m Körperlänge und 300kg Gewicht durch eine weniger ans Wasser gebundene und einzelgängerische Lebensweise aus. In den Regenwäldern Westafrikas leben wohl noch etwa 3000 Tiere dieser einst weiter verbreiteten Art. Umso erstaunlicher ist es, dass ausgerechnet ein so seltenes Tier 16.000 km entfernt von seinem angestammten Lebensraum australischen Schweinejägern zum Opfer fällt!

Anderson hatte die Tiere 1991 vom Pearl Coast Zoo in Broome für seine Menagerie erworben. Nach erheblichen rechtlichen Streitereien mit der Staatsregierung in Darwin und seinem finanziellen Rückzug aus der Tipperary Station schloss Anderson 2003 seinen Zoo und begann die gehaltenen Tiere in einer chaotischen Weise abzuverkaufen.

Das genaue Schicksal aller Tiere der Tipperary Station verlor sich und ließ sich auch von staatlicher Seite nicht mehr genau aufklären. Bald nach 2003 machten jedoch unter den Farmern der Umgebung Gerüchte die Runde, zahlreiche exotische Tiere seien im Chaos auf der Tipperary Station entkommen oder auch absichtlich frei gelassen worden.

Courtney’s Boss Coward erinnert sich, vor herumstreunenden Giraffen gewarnt worden zu sein.

Interessant ist auch, dass sich im Nachhinein einige Anwohner an merkwürdige Begegnungen mit seltsamen Schweinen oder einem auffälligen, hornlosen Wasserbüffel erinnern konnten.

Dem ehemaligen Manager der Tipperary Station David Warriner zufolge soll das Zwergflusspferd, bei dem es sich um das jüngste Weibchen aus der Gruppe gehandelt haben müsse, bei den Verladearbeiten der Tiere im Jahre 2003 als einziges entkommen sein.  Dass das damals 12-jährige Tier lange in der Gegend überleben würde, habe niemand erwartet, weshalb auch nicht nach dem Tier gesucht worden sei (Cunningham & Sanson, 2009). Ob man ihm dabei Glauben schenken darf, sei  allerdings dahingestellt.

Wieder einmal haben Flusspferde aber ihre Anpassungsfähigkeit auch an noch so fremde Lebensräume unter Beweis gestellt. Nicht nur in Südamerika, wo sich der ehemalige Privatzoo des toten Drogenbarons Pablo Escobar verselbstständigt hat und Kolumbien nun eine rasant wachsende Population von Nilpferden beschert, sondern auch Down Under können sich Flusspferde über Jahre behaupten. Dabei kommt ihnen sicherlich ihr breites Nahrungsspektrum sowie die relative Sicherheit vor den meisten Fressfeinden entgegen. Möglicherweise hat für die Etablierung einer sich vermehrenden Population von Zwergflusspferden im Northern Territory Australiens nur ein Geschlechtspartner für das geschossene Weibchen gefehlt, wenn der einst nicht auch mit ausgebrochen ist.

Das weitere Schicksal des toten Zwergflusspferdes ist übrigens genau bekannt: Das Northern Territory Museum and Art Gallery in Darwin stellt das Tier als Dermoplastik für die Ewigkeit präpariert als sonderbarste Trophäe in der Staatsgeschichte aus.

Quellen

 

Anderson, C., The fossil mammals of Australia; Proceedings of the Linnean Society of New South Wales, Volume 59, pp. ix-xxv, 1933.

 

Anonymus, Missing an Elephant? Carcass found in Keys; Ocala Star-Banner, 05.08.1986.

 

Antoine, P.-O., Pleistocene and Holocene rhinocerotids (Mammalia, Perissodactyla) from

the Indochinese Peninsula; C. R. Palevol, in press, 2011.

 

Archer, M., A legacy of boats, bloats and floaters; Nature Australia, Volume 26, pp. 70, 1999.

 

Betts, A., Pygmy Hippo shot in NT; The Northern Territory News, 16.11.2009.

 

Bowman, D., Bring Elephants to Australia?; Nature, Volume 482; Issue 7383,  p. 30, 2012.

 

Cunningham, M. & Sanson, A., Pygmy hippo could be tip of iceberg; The Northern Territory News, 17.11.2009.

 

Falconer, H., Paleontological memoirs and notes of the late Hugh Falconer, A.M., M.D., with a biographical sketch of the author. Compiled and edited by Charles Murchison, M.D., F.R.S., Volume 2: Mastodon, elephant, rhinoceros, ossiferous caves, primeval man and his contemporaries. Robert Hardwicke, London, 1-675, 1868.

 

Filhol, H., Note sur la découverte d’une dent de rhinocéros fossile à la Nouvelle-Calédonie; Ann. Sc. Nat. (Paris), (6)3(2):1, 1876.

 

Guérin, C., Winslow, J. H., Piboule, M. und Faure, M., Le prétendu Rhinocéros de Nouvelle Calédonie est un marsupial ( Zygomaturs diahotensis nov. sp.). Solution d’une énigme et conséquences paléogéographiques; Goebios 14:201-17, 1981.

 

Heptner, W.G., Über das Java-Nashorn auf Neu-Guinea; Zeitschrift für Säugetierkunde, Bd. 25,  pp. 128, 1960.

 

Longman, H. A., The supposed artiodactyle Queensland fossils; Proceedings of the Royal Society of Queensland, Volume 28, 83-87, 1916.

 

Lydekker, R., Catalogue of the fossil Mammalia in the British Museum, (Natural History) Cromwell Road, S.W. Part IV, Containing the order Ungulata, suborder Proboscidea; British Museum (Natural History), London, 1-233, 1886.

 

Owen, R., Description of a fossil molar tooth of a Mastodon discovered by Count Strzlecki    in Australia; Annals and Magazine of Natural History, (1)14: 268-71, 1844.

 

- Descripton of portions of tusk of a probiscidian mammal (Notelephas australis,

              Owen) from Queensland, Australia; Proceedings of the Royal Society, Volume 173,

              273-275; 1882.

 

Rich, T. H. V., Fortellius M., Rich P. V. und Hooijer, D. A., The suppoesd Zygomaturus from New Caledonia is a Rhinoceros: A second solution to an enigma and its paleogeographical consequences; in ed. by M. Archer: Possums and Opposums: Studies in Evolution, Surrey Beatty & Sons and the Royal Zoological Society of New South Wales, Sydney, pp. 769-778, 1987.

 

Shuker, K., Prehistoric Survivors; Blandford Press, London, pp. 135, 1996.

 

Vickers-Rich, P. & Archbold, N. W. 1991. Squatters, priests and professors: a brief history of vertebrate palaeontology in terra australis. In Vickers-Rich, P., Monaghan, J. M., Baird, R. F. & Rich, T. H. (eds) Vertebrate Palaeontology of Australia. Pioneer Design Studio (Lilydale, Victoria), pp. 1-39.

 

 

Walker, A. O., The Rhinoceros in New Guinea ; Nature, Volume 11, Issue 274, pp. 248, 1875