Nimerigar: Das kriegerische „kleine Volk“ aus den Legenden der Schoschonen
In vielen Kulturen gibt es Geschichten über kleine Menschen, die in Höhlen, Bergen, Wäldern oder unter der Erde leben. In Europa wurden daraus Feen, Kobolde, Zwerge oder Hausgeister. In Nordamerika tauchen ähnliche Wesen in den Überlieferungen verschiedener indigener Völker auf. Mal gelten sie als heilkundige Geister, mal als gefährliche Trickster, mal als winzige Krieger, denen man besser nicht begegnet.
Zu den düstersten dieser Erzählungen gehören die Nimerigar.
Die Nimerigar stammen aus den Legenden der Schoschonen im Gebiet der Rocky Mountains. Sie werden als kleines, aggressives Volk beschrieben, das mit winzigen Bögen und vergifteten Pfeilen kämpfte. Der Name wird häufig sinngemäß mit „Menschenfresser“ oder „people eaters“ wiedergegeben. In den Geschichten der Schoschonen waren die Nimerigar also keine niedlichen Waldwesen, sondern Gegner, vor denen man sich in Acht nehmen musste.

Wer waren die Nimerigar?
Nach den Überlieferungen sollen die Nimerigar klein gewesen sein, oft nur etwa 50 bis 90 Zentimeter groß. Sie lebten angeblich in den Bergen und Höhlen des heutigen Wyoming und anderer Teile des amerikanischen Westens. Besonders häufig werden sie mit der Wind River Range und den Pedro Mountains in Verbindung gebracht.
In den Erzählungen erscheinen sie als ein organisiertes Volk: klein, beweglich, kriegerisch und gefährlich. Ihre Waffen sollen winzige Bögen gewesen sein, deren Pfeile mit Gift bestrichen waren. Genau diese Mischung macht die Legende so auffällig. Die Nimerigar sind nicht einfach „kleine Leute“, die am Rand der Welt leben. Sie sind ein militärisches Volk im Miniaturformat.
Eine der härtesten Überlieferungen besagt, dass die Nimerigar ihre eigenen Alten oder Kranken töteten, wenn diese nicht mehr am Leben der Gruppe teilnehmen konnten. In manchen Versionen geschah dies durch einen Schlag auf den Kopf. Solche Details klingen aus heutiger Sicht brutal, passen aber zu einer Erzählwelt, in der Überleben, Mobilität und Gruppenschutz eine zentrale Rolle spielen. Wichtig ist dabei: Es handelt sich um überlieferte Erzählmotive, nicht um archäologisch belegte Sozialgeschichte.
Kleine Leute in Nordamerika
Die Nimerigar stehen nicht allein. Geschichten über „little people“ sind in Nordamerika weit verbreitet. Auch bei anderen indigenen Gruppen finden sich Berichte über kleine, menschenähnliche Wesen. Die Deutungen unterscheiden sich stark: Manche kleinen Leute gelten als gefährlich, andere als spirituelle Wesen oder Heiler. Wieder andere erscheinen eher als Naturgeister, die Orte bewachen oder Menschen prüfen.
Dass solche Geschichten lange vor der europäischen Besiedlung kursierten, macht sie kulturgeschichtlich interessant. Sie sind keine moderne Erfindung der Kryptozoologie. Kryptozoologie hat sie später aufgegriffen, aber sie stammen aus älteren mündlichen Traditionen.
Gerade deshalb sollte man vorsichtig mit ihnen umgehen. Für indigene Kulturen sind solche Erzählungen nicht einfach Monsterstoff. Sie können Teil von Landschaftserinnerung, Moral, Spiritualität, Ortswissen oder Warntraditionen sein. Wer sie nur als „Beweis“ für ein verlorenes Zwergenvolk liest, verpasst einen großen Teil ihrer Bedeutung.
Die Pedro-Mountains-Mumie: Der Fund, der alles veränderte
Die Nimerigar wären vermutlich ein regionales Folklorethema geblieben, wenn in den 1930er-Jahren nicht ein Fund gemacht worden wäre, der perfekt in die Legende zu passen schien.
In den San Pedro Mountains in Wyoming fanden zwei Goldsucher, meist als Cecil Mayne beziehungsweise Main und Frank Carr genannt, eine winzige Mumie in einer Höhle. Die Datierung des Fundjahres wird je nach Quelle mit 1932 oder 1934 angegeben. Nach späteren Berichten wurde die Höhle bei der Suche nach Gold geöffnet beziehungsweise gesprengt. Auf einem Felsvorsprung saß ein kleiner mumifizierter Körper in einer zusammengekauerten Haltung.
Der Fund wurde später als San Pedro Mountains mummy bekannt, informell auch als „Pedro“. Die sitzende Mumie war nur wenige Zentimeter hoch; die angenommene stehende Körperhöhe wurde deutlich größer geschätzt, aber blieb dennoch extrem klein. Genau dieser Größenunterschied zwischen sitzender Mumie und rekonstruierter Körperhöhe führte später zu vielen widersprüchlichen Angaben in populären Darstellungen.
Optisch wirkte Pedro ungewöhnlich: ein kleiner, brauner, faltiger Körper, ein stark gealtert wirkendes Gesicht, flache Stirn, breite Mundpartie und erhaltene Fingernägel. Für Laien sah der Körper nicht wie ein normales Kind aus. Eher wie eine winzige alte Person. Und damit war die Verbindung zu den Nimerigar praktisch vorprogrammiert.
War Pedro ein erwachsener „kleiner Mensch“?
Frühe Berichte und populäre Darstellungen deuteten Pedro teilweise als erwachsenen Menschen sehr geringer Größe. Röntgenaufnahmen sollen ein menschenähnliches Skelett gezeigt haben. In manchen Versionen der Geschichte ist von einem gebrochenen Schlüsselbein, beschädigter Wirbelsäule und Schädelverletzungen die Rede. Auch das angeblich alte Gesicht und die ungewöhnlichen Zähne wurden immer wieder erwähnt.
Diese Details machten den Fall für Kryptozoologen faszinierend. Eine winzige Mumie, gefunden in genau jener Region, in der Legenden über kleine kriegerische Menschen existieren: Das war erzählerisch fast zu passend.
Doch moderne Deutungen sind deutlich nüchterner. Wissenschaftliche Analysen kamen zu dem Schluss, dass Pedro wahrscheinlich kein erwachsener Vertreter eines unbekannten kleinwüchsigen Volkes war, sondern ein mumifizierter indigener Säugling mit Anenzephalie, einer schweren Fehlbildung, bei der Teile des Gehirns und Schädels nicht vollständig entwickelt sind. Diese Diagnose würde viele der ungewöhnlichen Merkmale erklären, darunter den deformierten Kopf, das greisenhafte Aussehen und die extreme Körpergröße.
Damit wird der Fund nicht weniger tragisch, aber deutlich weniger kryptozoologisch. Aus dem möglichen „Beweis“ für die Nimerigar wird wahrscheinlich ein sehr selten erhaltener menschlicher Säuglingskörper, dessen Erscheinung durch Krankheit, Mumifizierung und spätere Erzählung stark überformt wurde.
Die verlorene Mumie
Der Fall bleibt trotzdem schwierig, weil Pedro heute nicht mehr verfügbar ist.
Die Mumie wurde nach ihrer Entdeckung ausgestellt, verkauft und mehrfach weitergegeben. Sie tauchte in Schaufenstern, privaten Sammlungen und Schaustellungen auf. Irgendwann verschwand sie. Ihr heutiger Aufenthaltsort ist unbekannt. Laut zusammengetragenen Berichten wurde sie in den 1940er-Jahren von einem Autohändler aus Casper erworben und später entweder verloren, verkauft oder weitergegeben. Seitdem gilt sie als verschollen.
Das ist einer der Gründe, warum der Fall so hartnäckig weiterlebt. Ein verschwundener Fund ist für Legenden fast ideal. Es gibt Fotos, Röntgenaufnahmen, Berichte und viele Behauptungen, aber keinen Körper, den moderne Forschung umfassend untersuchen könnte.
Wäre Pedro heute in einem Museum, ließen sich viele Fragen vermutlich sauberer beantworten. DNA-Analyse, Radiokarbondatierung, CT-Scans und forensische Untersuchung könnten klären, was alte Berichte offenlassen. Stattdessen bleibt Pedro halb wissenschaftlicher Fall, halb verlorenes Schaustück und halb Kryptid-Fußnote. Ja, das sind drei Hälften. Bei solchen Geschichten passiert das.
Chiquita: Der zweite kleine Körper
In den 1990er-Jahren tauchte ein weiterer kleiner mumifizierter Körper aus Wyoming auf, der den Fall Pedro in einem neuen Licht erscheinen ließ. Diese zweite Mumie wurde „Chiquita“ genannt. Sie soll aus derselben größeren Region stammen und war ebenfalls ungewöhnlich klein.
Untersuchungen an Chiquita, darunter Röntgen- und DNA-Tests, ergaben nach den bekannten Berichten, dass es sich um einen natürlich mumifizierten weiblichen Säugling indigener Abstammung mit Anenzephalie handelte. Die Mumie wurde auf etwa 1500 oder 1700 datiert. Danach zog die Familie, die sie besaß, den Zugang wieder zurück.
Chiquita ist für die Pedro-Deutung wichtig, weil sie zeigt: Ein sehr kleiner mumifizierter Körper mit ungewöhnlicher Kopfform muss nicht zu einer unbekannten Menschenart gehören. Er kann tragischerweise ein schwer fehlgebildeter Säugling sein, der unter bestimmten Bedingungen natürlich mumifiziert wurde.
Das macht die Verbindung zwischen Pedro und den Nimerigar deutlich schwächer.
Was ist mit den anderen angeblichen Funden?
In populären Texten über Nimerigar werden oft weitere angebliche Funde kleiner Skelette erwähnt: Grabstätten in Ohio, Tennessee oder anderen Teilen der USA, manchmal sogar mit angeblichen „tausenden“ kleinwüchsigen Körpern. Solche Berichte stammen häufig aus älteren Zeitungsartikeln, lokalen Legenden oder schwer überprüfbaren Sekundärquellen.
Ein historischer Bericht aus dem Umfeld des Missionars David Zeisberger von 1778 wird manchmal im Zusammenhang mit einer angeblichen Grabstätte einer kleinwüchsigen „Rasse“ nahe Coshocton, Ohio erwähnt. Solche Berichte sind kulturhistorisch interessant, aber sie reichen nicht als belastbarer archäologischer Nachweis für ein unbekanntes Volk.
Das Problem ist wieder typisch: Alte Berichte, unklare Grabungsumstände, fehlende moderne Dokumentation, keine zugänglichen Funde. Solche Geschichten können Hinweise auf Missverständnisse, lokale Überlieferungen oder reale Bestattungen liefern. Aber ohne überprüfbares Material bleiben sie im Bereich der Erzählung.
Warum die Nimerigar trotzdem faszinieren
Die Nimerigar sind ein gutes Beispiel dafür, wie Folklore, Archäologie, Schaustellerei und Kryptozoologie ineinandergreifen.
Zuerst gibt es eine ältere indigene Überlieferung über kleine, gefährliche Menschen. Dann taucht ein winziger mumifizierter Körper auf. Frühe Betrachter sehen darin einen möglichen Beweis. Medien und Schausteller machen den Fund größer, als er ohnehin schon merkwürdig ist. Spätere Untersuchungen liefern eine nüchternere Erklärung. Doch weil der wichtigste Körper verschwindet, bleibt der Fall offen genug, um weiterzuwandern.
Das macht die Nimerigar nicht automatisch real. Aber es erklärt, warum sie nicht einfach verschwinden.
Sie sitzen an einer interessanten Grenze: zu konkret, um reine Fantasie zu sein, zu schlecht belegt, um Geschichte zu werden.
Was bleibt vom Kriegsvolk der Schoschonen?
Aus heutiger Sicht gibt es keinen belastbaren Beweis dafür, dass die Nimerigar als reales, eigenständiges kleinwüchsiges Volk existierten. Die Geschichten gehören vor allem in den Bereich der Schoschonen-Folklore und der nordamerikanischen Erzählungen über kleine Leute.
Die Pedro-Mountains-Mumie, lange als möglicher Beleg gehandelt, wird heute am plausibelsten als mumifizierter indigener Säugling mit schwerer Fehlbildung erklärt. Der zweite Fall Chiquita stützt diese Deutung zusätzlich.
Und dennoch bleibt der Fall interessant. Nicht, weil er ein verlorenes Kriegsvolk beweist, sondern weil er zeigt, wie schnell aus einem rätselhaften Fund ein Mythos werden kann. Ein kleiner Körper in einer Höhle. Eine alte Legende über winzige Krieger. Ein paar widersprüchliche Berichte. Ein verschwundener Beweis. Mehr braucht es manchmal nicht, damit eine Geschichte weiterlebt.
Die Nimerigar bleiben deshalb weniger als bestätigtes Volk im Gedächtnis, sondern als eine der seltsamsten Begegnungen zwischen indigener Überlieferung und moderner Kryptozoologie. Genau dort sind sie am stärksten: nicht als gelöster Fall, sondern als Akte, bei der man spürt, wie nahe Erzählung und Erklärung manchmal beieinanderliegen.






