18 | 12 | 2014
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Girvan-Kadaver

Sawney Bean vor seiner HöhleGirvan ist eine kleine Stadt im schottischen Verwaltungsgebiet South Ayrshire. Das ehemalige Fischerdorf liegt 32 Kilometer südlich von Ayr und 48 Kilometer nördlich von Stranraer an der Westküste Schottlands. Die Stadt bietet heute natürlich einige touristische Attraktionen mehr als zur damaligen Zeit wie zum Beispiel malerische Strände, einen Golfplatz, Folkmusik-Festivals und mancherlei mehr. Und Girvan verfügt wie viele schottische Orte auch über eine lokale Legende - allerdings ist die Legende der Stadt verwoben mit einer der grausamsten, abscheulichsten und dunkelsten Erzählungen Schottlands überhaupt.1 Einst soll in der Dalrymple Street von Girvan eine Frau namens Elspeth McCrudden gelebt haben. Doch sie bewahrte ein Geheimnis, und als sich die Ereignisse schließlich überschlugen sollte es ihr zum Verhängnis werden.

In einer Küstenhöhle in Bannane Head, ganz in der Nähe von Galloway County (dem heutigen South Ayrshire) lebten nach der involvierten zweiten Legende Alexander „Sawney“ Bean2 und seine Frau mehr schlecht als recht vom Raubmord an vorbeikommenden Reisenden. Da sie so nur schwerlich ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten, gingen sie irgendwann dazu über ihre Opfer nicht nur zu berauben und zu ermorden, sondern diese sodann in die Höhle zu schleppen, sie auszuweiden und schließlich aufzuessen um Geld für Nahrungsmittel zu sparen. Was man nicht sogleich verwerten konnte, wurde zum späteren Verzehr in Salz und Essig eingelegt und in der Höhle an Haken abgehängt.3 Im Laufe der Zeit wurden ihnen acht Söhne, sechs Töchter sowie - durch inzestuöse Verbindung - 32 „Enkel“ geboren, die alle alsbald in das blutige Handwerk mit eingebunden wurden. Eines Tages geschah jedoch ein folgenschwerer Fehler und ein Reisender überlebte4, woraufhin die alarmierte Obrigkeit Truppen entsandte, denen es mit Hilfe von Bluthunden gelang, das Versteck ausfindig zu machen. Ob ihrer grausamen Verbrechen wurden die männlichen Familienmitglieder zum langsamen Tode durch Ausbluten verurteilt, alle Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Alle bis auf eine, denn Elspeth McCrudden war nach der Legende von Girvan niemand anderes als die den grauenhaften Verhältnissen entflohene älteste Tochter der Beans. Doch nach den Verhaftungen kam man auch hinter ihre wahre Identität und obwohl sie nach einer anderen Erzählung noch versuchte ihrem Schicksal zu entfliehen5, knüpfte der Mob sie an einen Ast ihres selbst gepflanzten Baumes. Noch heute könne man, wenn man unter dem „Hairy Tree“ genannten Baum stehe, das Geräusch ihres baumelnden Leichnams hören.6 Was hat all das mit Kryptozoologie zu tun? Nicht wirklich viel, außer dass die tragische Legende um Elspeth McCrudden und den Hairy Tree nicht der einzige Fall ist, in dem ein Leichnam in Girvan eine bedeutende Rolle spielt...

Am Strand unweit der örtlichen Alginat-Fabrik fand man am 15. August 1953 einen von den Gezeiten angeschwemmten Kadaver. Das Tier war insgesamt neun Meter lang, wobei allein vier Meter auf den Schwanz entfielen. Der etwa 1, 20 Meter lange Hals wurde als „giraffen-artig“ beschrieben, mit einem kamel-, pferde- oder kuhähnlichen Kopf und knochenbeschirmten Augen. Der Kadaver verfügte zudem über vier stumpfartige Anhänge ähnlich Beinen und war bedeckt mit groben, grauen Haaren. „Es ist ein Plesiosaurus,“ war alsbald die Meinung von Augenzeugen und einigen Stadtoberen in der Presse zu lesen. Der Provost (Bürgermeister) von Girvan tat seine Meinung kund, dass das Biest „die Gedärme eines Säugetiers hat“ und deshalb kein Fisch sein konnte. In den schottischen Zeitungen war der Fund, keine zwanzig Jahre nach der „Geburt“ des Monsters von Loch Ness, am folgenden Tag auf der ersten Seite und sogar in London wurde die Geschichte und Bilder davon publiziert. Hunderte Schaulustige reisten an und geschäftstüchtige Einwohner begannen Souvenirs wie zum Beispiel übergroße „Monster“-Kartoffeln zu verkaufen.

Als schließlich Experten aus Edinburgh vor Ort kamen, war es zu spät.7 Wegen des fürchterlichen Gestanks hatte man den Kadaver mit Öl und Petroleum übergossen und angezündet, wobei nur der Kopf intakt blieb. Er blieb deswegen intakt, da ihn zuvor irgendjemand8 einfach mitgenommen hatte und so konnte man auch anhand des Schädels keine sichere Identifikation vornehmen. Anhand von Fotografien vor der endgültigen Zerstörung, entschied man daher, dass es sich um einen Riesenhai handeln musste, der auf See starb und dann halb aufgefressen von anderen Tieren an Land geschwemmt wurde.

Foto des Girvan-Kadavers

Auch andere Wissenschaftler schlossen sich dieser Ansicht an: „Nichts was ich gesehen habe, kann meine Meinung ändern, dass dies ein Riesenhai ist“ so A. R. Waterson vom Marine Biology Department des Royal Scottish Museum. Eine Meinung, die auch seine Kollegen, der Zoologie-Dozent J. B. Cowey und James Perry von der Glasgow University teilten. Perry: „Dieser hier war wahrscheinlich ein Baby, nicht mehr als 4,5 Meter lang – sicherlich keine 10 Meter – das ist vollkommen lächerlich. Es war nahezu unmöglich für jeden es zu identifizieren, denn es war so böse durch die Felsen und andere Seekreaturen zerstört. Lokale Einbildung und Wunschdenken taten den Rest.“ Einige Einwohner und Fischer von Girvan waren sich jedoch trotzdem nicht so sicher wie die Wissenschaftler. „That wis nae shark“. „Das war kein Hai“ war ihre Meinung zum Kadaver und zur Expertenmeinung. Ganz im Gegenteil, einige wollten vor Ailsa Craig und Turnberry Point bereits zuvor eine seltsame Kreatur gesichtet haben. Sechs oder sieben Wochen vor dem Fund des toten Tieres, berichtete der Skipper der „Geisha“, William Sloane, er und einige Passagiere hätten das Monster auf seinem Rückweg von Ailsa Craig gesehen. Er war davon überzeugt, dass der Kadaver und seine Kreatur ein und dieselben seien. Skipper Carson und seine Mannschaft kamen dem Monster noch näher, als das Tier seinen langen Hals und kleinen Kopf aus dem Wasser streckte. „Es starrte uns aus großen runden Augen an und ich gab einen Schuß auf es ab und es verschwand.“ Ein Student, für dessen Seriosität ein früherer Orstvorsteher von Girvan bürgte, behauptete das Ding sich „schäumend durch das Wasser mit großer Geschwindigkeit“ bewegen gesehen zu haben. Aufgrund der ungewöhnlichen Erscheinung habe er jedoch geschwiegen. Und zudem behaupteten einige, ein weiteres Monster sei noch dort draußen auf der Suche nach seinem verschwundenen Partner. William Sloane, der bereits erwähnte Augenzeuge und zudem auch einer der ersten, der das zweite Tier gesehen haben will, fuhr die Schaulustigen beinahe stündlich für zehn Pfund hinaus aufs Meer.

Wie sicherlich ersichtlich ein profitables Ereignis für die geschäftstüchtigen Einwohner, und so ergab sich für manche Skeptiker ein gewisser Verdacht. Denn immerhin kannte eine wahrscheinlich große Anzahl der Bürger sich mit Riesenhaien und deren Kadavern sehr gut aus – im Fischerdorf Girvan verdiente sich mancher während des zweiten Weltkrieges mit der Jagd und dem Handel von Riesenhaien sein Auskommen. Vielleicht, so fragten sie sich, war deshalb nicht nur der Geruch des toten Tieres ein Anlass es zu verbrennen?
Als Schlusswort der damaligen Aussagen mag die Einschätzung von G. Whitley, Ichthyologischer Kurator am Museum Sydney dienen: „Ohne zu zögern, anhand dieser Fotografie allein, kann ich sicher sagen, dass dies die Überreste eines Riesenhais sind. Das Objekt, das wie ein Schädel aussieht, ist der obere Teil des Cranium. Das weiche Gewebe der dorsalen Flosse hat sich aufgelöst und Fasern hinterlassen, die den Haaren einer Pferdemähne ähneln.“ Jahre zuvor gab es einen gleichartigen Kadaver, den er persönlich gesehen habe und dessen Kadaver am Royal College of Surgeons in London aufbewahrt werde.

Riesenhai (Cetorhinus maximus)Der Kadaver von Girvan steht im direkten Kontext zu ähnlichen Fällen, für die sich der Begriff „Pseudoplesiosaurier“ eingeprägt hat. Einige angeschwemmte Kadaver wie zum Beispiel diejenigen von Man Hill Beach bzw. Scituate (Massachusetts, USA), Querqueville (Frankreich), Parkers Cove (Nova Scotia, Kanada) und andere erinnern von ihrer äußeren Form (kleiner Kopf, langer dünner Hals, großer Körper mit Flossen) auf den ersten Blick an einen Vertreter der ausgestorbenen marinen Reptiliengruppe der Plesiosaurier. Diese Ähnlichkeit ist jedoch bedingt durch einen speziellen Verwesungsprozess des Riesenhais, der oftmals wie im folgenden kurz beschrieben stattfindet: Sobald das Gewebe weich wird, fällt der riesige Kiemenapparat des Plankton filtrierenden Fisches inklusive des Unterkiefers ab. Vom vorderen Körper beginnend ab den Brustflossen bleibt daher nur die Wirbelsäule und der kleine Schädel übrig. Da die Wirbelsäule an der Schwanzflosse nach oben gebogen ist, verschwindet der untere Schwanzlappen ohne weitere Hinweise auf seine Existenz. Nun sieht es so aus, als verfüge das Tier lediglich über einen langen, dünnen Schwanz und eben keine Schwanzflosse. Hinzu kommt, dass die Haut verrottet oder von Fischen aufgefressen wird und die Fasern der Muskeln aufbrechen was den Eindruck von Haaren beziehungsweise dem Vorhandensein einer Mähne erweckt.

Die „Pseudoplesiosaurier-Theorie“ bietet damit eine rationale Erklärung für derartige Tierleichen, sie ist jedoch keineswegs allgemeingültig und eine umsichtige Analyse ist in jedem Fall geboten.


  1. Ob diese Erzählung nur eine Erfindung oder aber auf einer wahren Geschichte basiert ist unter Historikern nicht abschließend geklärt. Tatsache ist auf jeden Fall, dass die Legende die im 15. oder 16. Jahrhundert spielt blutigen Einzug in die Folklore von Großbritannien gefunden hat.
  2. auch Beane. „Sawney“ ist im übrigen das schottische Wort für „sandig“.
  3. Es wird berichtet, dass manchmal trotz des Salzes und des Essigs zuviel Fleisch verdarb. In diesen Fällen entsorgte man es weit entfernt auf freiem Feld oder warf es ins Meer. Wurde es gefunden, tat dies sein übriges die Angst der Leute zu schüren.
  4. Wie immer überfiel eine Überzahl zwei Reisende, ein Mann und seine Frau. Während die Frau vom Pferd gezogen und getötet wurde, konnte der Mann sich wehren bis schließlich andere Reisende von einer Messe zur Hilfe kamen. Die Beans mussten fliehen, doch aufgrund dieses Ereignisses war ihre bis dahin sorgsam geheim gehaltene Existenz enthüllt.
  5. Sie soll (erfolglos) versucht haben schwimmend auf die sechzehn Kilometer entfernte Insel Ailsa Craig zu entkommen. Ailsa Craig ist auch unter anderen Namen bekannt, so z. B. Creag Ealasaid (Elizabeths Fels) oder Ealasaid a' Chuain (Elizabeth aus dem Ozean). Elizabeth ist wiederum eine sprachliche Verballhornung von Elspeth, was sich auf Elspeth McCrudden beziehen soll.
  6. Der Baum soll noch heute stehen, allein sein Standort ist nicht bekannt. Und so gibt es noch heute Personen, die Aktionen gestartet haben um ihn zu finden.
  7. In einer Quelle kommen Experten aus Glasgow, darunter der später im Text erwähnten Zoologie-Dozent James Perry.
  8. Der Kopf wurde angeblich im Land als Attraktion herumgezeigt. Eine der Zeitungen berichtet, dass der 60jährige Tony McTaggart gesehen worden sei, wie er den Kopf in einen Sack steckte. McTaggart wäre seitdem verschwunden. Näheres ist leider nicht bekannt.

Quellennachweis:

Bildnachweis:

  • Sawney Bean: Gemeinfrei lt. Wikipedia
  • Girvan-Kadaver: Sydney Morning Herald (Public Domain) .
  • Riesenhai: Public Domain durch Chris Gottschalk